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#NeMeQuittePas

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"Wir sind zu unserem Glück vereint." So heißt ein wunderbarer Satz in der Berliner Erklärung, mit der die Mitglieder der Europäischen Union 2007 des 50. Geburtstags der Römischen Verträge gedachten. Die Beneluxländer, Italien, vor allem aber die ehemaligen Erbfeinde Frankreich und Deutschland gründeten 1957 auf dem Kapitol zu Rom die Europäische Wirtschafts- und Atomgemeinschaft. Das Piccola Europa, wie die Italiener es liebevoll nannten, bildete den Kern dessen, was wir heute EU nennen. Mit diesem Schritt zur Einheit reagierten die Väter des modernen Europa auf einen Rückschlag, denn die angestrebte Europäische Verteidigungsgemeinschaft war gescheitert.

Alles schon mal da gewesen, könnte man folgern: Die wahren Europäer überwinden erst schier unüberbrückbare Hindernisse, sie brauchen Gegenwind, um über sich hinauszuwachsen. Das Ergebnis müsste uns auch nach sechs Jahrzehnten den Atem rauben: Europa ist die freundliche Großmacht von nebenan, ein Wirtschaftsimperium, Hort der Demokratie und der Völkerverständigung, Sehnsuchtsort für Millionen von Menschen, die es zu Frieden in Freiheit und Wohlstand zieht – und dieses Paradies zerlegt sich selbst. Dass es vergleichbaren Zivilisationen ähnlich geht, macht die Lage nicht besser. Ein Sozialpsychologe hat die Wohlstands-Demokratien mal mit verwöhnten Kindern verglichen, die beginnen, aus Langeweile und Mangel an Lebenszweck ihr Spielzeug zu zertrümmern und ihr Haustier zu quälen.

Im Zentrum dieses Schauspiels stehen in den nächsten Monaten zwei Länder. Obwohl heute 28 Nationen um das blaue Banner mit den zwölf goldenen Sternen versammelt sind, bilden seit jeher zwei Nationen das Rückgrat der Union: Frankreich und Deutschland. Erst wählen die Franzosen ihren Präsidenten, dann folgen die Deutschen mit ihrem Parlament. Großzügig und im höchsten Maße naiv lassen wir in diesen beiden Nationen Europafeinden freien Lauf. Sie lügen wie in Frankreich Marine Le Pen, die keine Scheu hat, europäisches Geld für ihren Wahlkampf zu missbrauchen. Ihr Ziel: das Aus für den Euro und das Ende der Union. Diese Saboteure flirten, wie in Deutschland führende AfD-Funktionäre, mit Rassismus und Ressentiments.

Was hilft bei Verleumdungen und bei Falschnachrichten? Aufklärung, miteinander reden und ehrlich streiten. Viele Deutsche bangen um die deutsch-französische Freundschaft, um den Sockel der Europäischen Union. Sie zitieren den Düsseldorfer Heinrich Heine, einen Schriftsteller, der 1856 nach 25 Jahren im Pariser Exil starb und dort begraben liegt: „Es war die Überzeugung meines ganzen Lebens, daß das aufrichtige großmütige bis zur Fanfaronade (Prahlerei) großmütige Frankreich unser natürlicher und wahrhaft sicherster Alliierter ist.“ Sinnfälliger als der große belgische Chansonnier Jacques Brel hätte keiner das Gefühl ausdrücken können, das viele Deutsche jetzt bewegt: Ne me quitte pas, verlass mich nicht!

Stefan Schröder ist Chefredakteur des Wiesbadener Kurier und des Wiesbadener Tagblatt

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Es ist das schönste französische Liebeslied aller Zeiten: Jacques Brels Chanson „Ne me quitte pas“, 1959 während einer der im Leben des belgischen Sängers nicht eben seltenen Beziehungskrisen geschrieben, ist das Beispiel für moderne Troubadours-Lyrik schlechthin.

„Ne me quitte pas / Il faut oublier /
Oublier le temps / Des malentendus“
"Verlass mich nicht / Man muss vergessen /
Die Zeit vergessen / Die Missverständnisse"

Die Worte sind schlicht, die Bilder eingängig. Man muss die Plattenaufnahme hören, die Philips-Einspielung mit der ironisch zirpenden Singenden Säge, um zu ermessen, wie brüchig die Bekenntnisse des verschmähten Liebhabers sind, denen der Chansonnier seine Stimme leiht.

Brel selbst, von zu viel Pathos stets abgestoßen, baute zu hochfahrender Gefühligkeit frühzeitig auch dadurch vor, dass er seine kleine Ansprache an die Ex kurz und tiefstapelnd als „Geschichte eines Arschlochs und Versagers“ charakterisierte. Doch wie man‘s auch dreht: Es ist ein Liebeslied – und nichts als ein Liebeslied.

Wenn wir für unsere Zeitungskampagne jetzt auf Jacques Brel und seinen Titel von vor fast 60 Jahren zurückgreifen, dann kappen wir natürlich diese Zusammenhänge. „Ne me quitte pas“: Aus der Geliebten des Chansons wird – kleiner und sicherlich etwas kühner Kunstgriff – ein Sinnbild für das Frankreich, das uns und der EU bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl abhandenkommen könnte. Als Leitmotiv für den Brief-Pingpong riskieren wir diese Schräglage einfach mal.

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Johann-Dietrich Wörner schreibt an  Jean-Yves Le Gall


Cher Jean-Yves,

alle reden über den besorgniserregenden Zustand Europas. Ja, es gibt sicherlich Anlass genug, sich Sorgen zu machen: Brexit, Terroranschläge, Migration und nationale Eitelkeiten gepaart mit individuellem Verhalten in einer elektronischen Schnäppchengesellschaft können ratlos machen. Ratlosigkeit ist aber kein guter Ratgeber für die Zukunft.

Gerade jetzt gilt es, die Grundlage für eine gute Zukunft zu schaffen und zu erhalten. Raumfahrt ist dazu in besonderem Maße geeignet. Nachdem wir uns im Moment wohl von dem Gedanken von „United States of Europe“, also den Vereinigten Staaten von Europa, auf absehbare Zeit verabschieden müssen, können wir jedoch zugleich „United Space in Europe“, das heißt intensive Zusammenarbeit in der Raumfahrt nutzen, um einen Beitrag für den Erhalt und die Weiterentwicklung Europas zu leisten.

Die Europäische Raumfahrtagentur ESA ist ein gutes Beispiel für den Wert und die Kraft des Europäischen Geistes: Bisher hat nicht nur kein Mitgliedsstaat den Willen geäußert, diese zwischenstaatliche Organisation zu verlassen, sondern wir haben sogar über Europa hinaus Beitritts- und Kooperationswünsche zu verzeichnen. Unsere beiden Heimatländer Frankreich und Deutschland sind als die stärksten Beitragszahler der ESA Motoren einer funktionierenden europäischen Kooperation. Der Geist dieser Kooperation lässt sich an konkreten, faszinierenden Projekten wie Rosetta, aber auch durch das Europäische Astronautenkorps mit Astronauten aus vielen europäischen Ländern festmachen.

Raumfahrt ist heute Infrastruktur, zum Beispiel Erdbeobachtung für die Wettervorhersage, Satellitennavigation und Telekommunikation, ist aber auch in der Lage, durch Missionen am Rande der Machbarkeit, Menschen aller Altersgruppen zu motivieren, Zukunftsträume zu haben. Das ist es, was unsere Gesellschaft braucht, um den berechtigten Sorgen Hoffnungen und Mut gegenüberzustellen.

Lieber Jean-Yves, in diesem Verständnis freue ich mich darauf, mit Dir gemeinsam den europäischen Gedanken weiter zu leben und zu kommunizieren.

Amicalement
Jan
(Johann-Dietrich Wörner, ESA-Generaldirektor in Darmstadt)

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Jean-Yves Le Gall schreibt an Johann-Dietrich Wörner 


Lieber Jan,

die Nachrichtenlage der letzten Monate konnte bisweilen Zweifel an der Relevanz des europäischen Einigungswerks und am Platz Europas in der Welt zwischen den Ambitionen der aufstrebenden Länder und dem Machthunger der Vereinigten Staaten wecken. Wenn es indes einen Sektor gibt, in dem Europa keinerlei Anlass hat, sich seiner Errungenschaften zu schämen, dann den der Raumfahrt, und man kann sich mit Recht die Frage nach den Gründen für diesen Erfolg stellen.

Es sind derer drei: erstens die Überzeugung der politischen Entscheidungsträger Europas, dass die Raumfahrt wichtig ist und uns in die Lage versetzt, „bei den Großen mitzuspielen“; deutlich wurde dies einmal mehr angesichts des Erfolgs der Konferenz von Luzern, auf der Europa Mittel in Höhe von 10,3 Milliarden Euro bewilligt hat; zweitens starke und organisierte Weltraumorganisationen – die ESA in Europa, das CNES in Frankreich, das DLR in Deutschland –, die imstande sind, diese Programme zu gestalten und zu leiten und auf europäischer und weltweiter Ebene zusammenzuarbeiten, um die Kosten, aber auch den Nutzen zu teilen; und drittens eine Raumfahrtindustrie der weltweiten Spitzenklasse, die mit den öffentlichen Organisationen Hand in Hand arbeitet und es versteht, sich zu organisieren, sich weiterzuentwickeln und Innovationen hervorzubringen.

Die Ergebnisse sind spektakulär. Auf politischer Ebene ist die ESA nach der Nasa die zweitgrößte Weltraumorganisation der Welt, das CNES ist heute die Raumfahrtagentur mit den meisten internationalen Kooperationsvorhaben, und das DLR geht bei Forschung und Entwicklung und der Vorbereitung der Zukunft voran. Auf der Ebene der Programme sind die Ergebnisse ebenfalls deutlich sichtbar: Mit der Ariane haben wir seit 35 Jahren einen Träger, um den uns die Welt beneidet, Rosetta und Philae haben eine Fülle wissenschaftlicher Daten hervorgebracht, die Copernicus-Satelliten sorgen für die laufende Überwachung der Entwicklung unseres Planeten, und dank seiner Leistungen entwickelt sich Galileo gerade zum besten Ortungssystem der Welt.

Aber diese Ergebnisse bedeuten vor allem mehrere zehntausend hochqualifizierte Arbeitsplätze überall in Europa und ein beinahe zweistelliges Wachstum. Insgesamt zeigt Europa, dass es dank entschlossener politischer Ambitionen, die durch innovative und von Inspiration geleitete und auf eine Industrie von Weltrang gestützte öffentliche Einrichtungen umgesetzt werden, bei entsprechendem Willen in der Lage ist, Großes zu leisten.

Lieber Jan, 50 Jahre Raumfahrtpolitik haben das Beste in Europa zutage gefördert. Es liegt an uns, dieses Erbe zu pflegen und vor allen Dingen zu nutzen.

Mit herzlichen Grüßen,
Jean-Yves
(Jean-Yves Le Gall, Präsident des Centre National d’Études Spatiales in Paris)

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Till Meyer schreibt an Mélita Soost

Liebe Mélita,

der Kampf um die französische Präsidentschaft ist in vollem Gange. Und ich bin ziemlich verstört. Deutschland, Frankreich, Europa – das wichtigste Projekt meiner Generation droht im französischen Wahlkampf den Bach runterzugehen.

Leider haben die Vorwahlen im rechten und linken Lager Frankreich keine Klarheit gebracht. Nach wie vor erreicht vor allem Nebensächliches die Ohren des Wahlvolks. Der konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon hat sich seine teuren Maßanzüge bezahlen lassen, der Sozialist Benoît Hamon hat eine miserable Redetechnik, Linksaußen Jean-Luc Mélenchon ist dank der Technik des Hologramms in der Lage, gleichzeitig in zwei Städten Wahlkampf zu machen, und der Liberale Emmanuel Macron ist nicht nur talentiert, sondern vielleicht auch homosexuell.

Vom Entscheidenden aber wissen wir so gut wie nichts: Was sagen die Wahlprogramme der Kandidaten tatsächlich aus? Wirklich bekannt ist nur das Programm der rechtsextremen Marine Le Pen. Sollte sie Präsidentin werden, dann wäre der Frexit sicher. Frankreich wäre nicht mehr Teil der europäischen Union, die deutsch-französische Achse zerbrochen.

Dass Le Pen im ersten Wahlgang die meisten Stimmen auf sich vereinen wird, gilt als ausgemacht. Alle anderen Kandidaten konkurrieren deswegen darum, wer von ihnen Le Pen in der Stichwahl am 7.Mai die Stirn bieten kann.

Die seit über 60 Jahren gewachsene deutsch-französische Communauté in Frankreich sollte an diese Kandidaten eine klare Message richten: „Wir unterstützen sie, wenn sie sich für Europa einsetzen und dafür sorgen, dass die französische Marianne die Hand des deutschen Michels nicht loslässt!“

Einen guten Anfang für ein solches Engagement der Zivilgesellschaft macht die Initiative des Frankfurter Anwalts Daniel Röders. Sein Pulseofeurope.eu demonstriert seither für Europa in deutschen, französischen, belgischen und englischen Städten. Die über 180 Partnerstädte aus Rheinland-Pfalz und der Bourgogne-Franche-Comté sollten da mitmachen. Auch wir beiden, übrigens! Natürlich gemeinsam! Was hältst Du davon?

Beunruhigt, aber tatenfroh, freut sich auf Deine Antwort aus Mainz

Till
(Till Meyer, Leiter des Haus Rheinland-Pfalz in der Mainzer Partnerstadt Dijon)

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Mélita Soost schreibt an Till Meyer


Lieber Till,

gerade haben die Wahlen in den Niederlanden stattgefunden – und findest Du nicht auch, dass das Ergebnis Mut macht? Die Wähler haben sich dafür entschieden, Europa nicht aufzugeben, und das ist eine erfreuliche Nachricht!

Denn nur ein starkes Europa ist der Garant für ein weiteres friedliches Miteinander der naturgemäß unterschiedlichen Mitgliedsländer. Ja, die französischen Präsidentschaftskandidaten bringen viel Verwirrung in die Köpfe der Menschen.

Fast täglich erschrecken uns neue persönliche Enthüllungen, die die Kandidaten aller Parteien gleichermaßen betreffen. Viele Wähler wissen nicht mehr, woran sie sich orientieren sollen, denn es fehlt die inhaltliche Auseinandersetzung. Diese Situation ist enttäuschend.

Und dennoch – ich habe das Vertrauen in meine Landsleute, dass sie wie die Niederländer um die Bedeutung der Wahl wissen und den Ernst der Lage sehen. Schließlich geht es um unser aller Zukunft. Deshalb werden hoffentlich viele wählen gehen und nicht aus Politikverdrossenheit der Wahlurne fernbleiben – wohin das führen kann, sieht man an Großbritannien.

Gerade die jungen Pro-Europäer, die von vielen europäischen Austauschprogrammen wie zum Beispiel Erasmus profitieren können, haben dort nicht gewählt. Nun ist der Schritt gemacht und es gibt kein Zurück.

Ich hoffe, dass viele meiner Landsleute wie ich auf Europa setzen. Ich selbst fühle mich als Europäerin und möchte diesen Brief deshalb mit den Worten von Victor Hugo, der in Burgund-Franche-Comté geboren ist, beenden: „Es leben die Vereinigten Staaten von Europa!“

Liebe Grüße,
Mélita
(Mélita Soost,  Leiterin des Haus Burgund in Mainz)

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Michaela Luster schreibt an Henri Mathey


Lieber Henri Mathey,

fast wäre ich selbst Französin geworden: Ich bin 1965 in Saarbrücken geboren. Erst zehn Jahre zuvor hatte es eine Volksbefragung gegeben – die Mehrheit der Saarländer hatte sich jedoch für den Anschluss an die Bundesrepublik Deutschland entschieden.

Die Liebe zu Frankreich und zur französischen Sprache hat sich bei mir trotzdem entwickelt. Als Jugendliche bin ich zum Zeltlager in die Nähe von Reims gefahren, habe Zisterzienserklöster im Burgund besucht und Französisch als Leistungskurs gewählt. Dann war ich Aupair bei Paris und habe später Romanistik studiert. Wir haben uns gefreut, als wir endlich so richtig Europa waren, mit offenen Grenzen und einer Währung. Und dennoch unsere Eigenheiten behalten haben.

Demnächst lernt jedes meiner vier Kinder die französische Sprache. Wir hatten schon viele Austauschmädchen zu Besuch. Dann hissen wir an unserem Haus die Trikolore und versuchen ihnen zu beweisen, dass es auch bei uns gutes Essen gibt (Okay, Euer Baguette bleibt unerreicht) und dass wir Deutschen nicht langweilig, humorlos und spröde sind. Zumindest nicht immer.

Ich fahre mit Freude einen alten Renault und zum Treffen in unsere Partnergemeinde in der Nähe von Dijon. Wenn ich bei meiner Gastfamilie bin, merke ich jedes Mal, dass wir doch alle über die gleichen Dinge lachen und weinen, dass die französischen Kinder sich zwar bei Tisch besser zu benehmen wissen, aber ihre Schuhe beim Heimkommen genauso in den Flur schmeißen und meine französische Freundin Christine wie wir alle ihren Mann beim Autofahren gängelt.

Ach, ich wünsche mir sehr, dass das alles so bleibt und unser Verhältnis eher noch inniger wird. Ich will Eure witzigen Dialoge noch besser verstehen und schneller reagieren können. Bleibt bei uns! Ne nous quittez pas!

Ich freue mich auf Ihre Antwort.
Ihre Michaela
(Michaela Luster, Redakteurin beim Wiesbadener Kurier)

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Henri Mathey schreibt an Michaela Luster


Liebe Michaela Luster,

ich bin im Burgund geboren, mein Vater stammt aus der Champagne, meine Mutter aus Nordfrankreich. Warum sollte ich Deutsch sprechen und Deutschland mögen – ist das dem Krieg geschuldet?

Zwei Politiker hatten das „nie wieder“ schon entdeckt: Charles de Gaulle und Konrad Adenauer haben Schüleraustausch zwischen unseren beiden Nationen angeregt. Mein Vater wurde in einer deutschen Familie empfangen und hat das so gut gefunden, dass er jedes Jahr einige Zeit bei Euskirchen verbracht hat. Erst allein, dann mit seiner Ehefrau und später mit den Kindern. Er war mit 19 Waise geworden. In Deutschland hatte er eine neue Familie gefunden.

Für mich waren Hubert und Maria Großeltern. Als Kind konnte ich nie mit meinen Freunden im Dorf „Kriegsbeil gegen Deutsche“ spielen. Das wäre Unsinn für mich gewesen: Wie könnten Deutsche Feinde sein? Zu Hause wurde jeden Abend „Auf Wiedersehen“ auf Deutsch gesagt. Vater kam an mein Bett und sagte: „Gute Nacht, schlafe wohl, träume süß“, und ging wieder nach unten, während ich übte, es auch richtig auszusprechen.

Als Student bin ich dann sehr oft nach Deutschland gefahren und habe häufig mit Freunden bei ein paar oder mehr Bieren von einer neuen Welt geträumt. Die Partnerschaft zwischen Herxheim bei Landau und Saint Apollinaire war lebendig, ich fühlte mich wie zu Hause dort. So habe ich Sandbahnrennen, Bratwurst mit Pommes, Bier und Weinfeste kennen- und genießen gelernt.

Mein Sohn kennt das alles auch schon und sagt, dass er ein Weltbürger ist. Das kann seinen europäischen Vater doch nur freuen. Wie kann man noch denken: „Es war besser damals?“ Wie kann man noch denken: „Alleine schaffen wir es besser?“ Die EU ist leider nicht perfekt, aber wir haben seit 60 Jahren schon so einen langen Weg gemeinsam zurückgelegt, es ist unmöglich zurückzugehen.

Viele Grüße aus dem Burgund,
Henri
(Henri Mathey, Biologielehrer aus dem Burgund)

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Markus Müller schreibt an Pascal Dusapin

Lieber Pascal,

welch schöner Gedanke, dass wir uns Briefe schreiben quer durch das turbulente Europa. Ich hoffe, es geht Dir gut! Gerne denke ich an unsere wunderbare Zusammenarbeit zurück, als wir die deutsche Erstaufführung Deiner Oper Perelà gefeiert haben.

 Heute kommt mir diese italienische Parabel über den „Mann aus Rauch“, die Du entdeckt hast, aktueller denn je vor. Denn sie erzählt von der Sehnsucht der Menschen nach jemandem, der ihnen sagt, wo es langgeht. Davon, wie leicht wir zu manipulieren sind, wenn wir nicht als Individuen denken, sondern uns als Masse verführen lassen. Es war ein europäisches Projekt: Ein Franzose vertont den Roman eines Italieners, die Oper wird mit großem Erfolg in Deutschland aufgeführt: Die Kunst kennt keine Grenzen.

Am Theater arbeiten Menschen vieler Nationalitäten in kreativer Vielfalt zusammen, eine Selbstverständlichkeit. Denkst Du nicht auch, dass es heute wieder wichtig ist, diesen Reichtum zu betonen? Denn bei Euch in Frankreich, bei uns in Deutschland und in vielen anderen Ländern stellen starke Kräfte unsere offene Gesellschaft in Frage. Sie geben vor, uns schützen zu wollen, doch wollen sie abschaffen, was gelebte Demokratie und europäische Freiheit ausmacht. „Au nom du peuple“ behauptet Marine Le Pen zu handeln, „Wir sind das Volk“ skandieren die „besorgten Bürger“ hier. Welche Anmaßung!

Lieber Pascal, „Ist, dass Du schaffst und bildest genug?“, fragt Mathis der Maler in Paul Hindemiths Oper, die wir gerade spielen. Ich habe Dich als politischen Menschen kennen gelernt, wie siehst Du Deine Rolle als Künstler? Kann und will ein Komponist, der Jahre an einer Partitur arbeitet, auf aktuelle Missstände reagieren? Ich bin überzeugt, dass wir heute mit unserer Kunst, in unseren Theatern jenen entgegentreten müssen, die in der Vielfalt nur Gefahren sehen.
Gegen Unbehagen und Angst vor dem Fremden schlägt man uns Abschottung und Grenzen vor, lass uns lieber darüber sprechen, was uns verbindet!

„Ne me quitte pas“ heißt dieser Briefwechsel, „verlass mich nicht“. An uns soll es nicht liegen… In ganz Europa und gerade zwischen unseren beiden Ländern ist längst ein enges Netz geknüpft worden. Es besteht aus viel mehr als politischen und wirtschaftlichen Verträgen. Es besteht aus Freundschaft und Wertschätzung. Aus Worten, Poesie und Noten. Kein Hass, keine vergiftete Rede ist scharf genug, diese unsichtbaren aber festen Bande zu zerschneiden!

Ich freue mich auf Deine Antwort und sende Dir aus vollem Herzen freundschaftliche

Grüße
Dein Markus
(Markus Müller, Intendant des Staatstheater Mainz)




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Pascal Dusapin schreibt an Markus Müller

Lieber Markus,

Es berührt mich sehr, dass du schreibst, Perelà sei eine zeitgenössische Figur. Die Erzählung eines Vagabunden, der eines Tages bei einem nach Vorbildern gierenden Volk aufkreuzt.

Perelà kommt möglicherweise von weit her, jedenfalls von anderswo, er ist anders. Er stellt eine Bedrohung dar und das Volk, um seine Angst zu bannen, ergreift von ihm Besitz und ernennt ihn zum Führer. Perelà wird sich dem verweigern, folglich wird dieser Migrant da verurteilt.
Die Metapher ist für mich die zentrale Herausforderung einer Oper heutzutage. Ich verrücke gerne eine Bedeutung zu einer anderen hin, erfinde eine Parabel, die uns zum Bewusstsein der Welt zurückführt. Angesichts der dunklen Ereignisse, die wir zur Zeit erleben, kann die Arbeit eines Komponisten lächerlich erscheinen. Wie könnte man den Anspruch erheben, die Welt zu verändern, indem man eine Oper schreibt? Also drehen wir die Frage lieber um: Welche Welt ist möglich ohne Musik, ohne Kunst ? Kunst ist Wachsamkeit. Kunst sieht uns an und enthüllt uns Wege zu mehr Erkenntnis und Freiheit. Diejenigen, die heute unserem Denken Grenzen ziehen wollen, züchten Ignoranz.

Diese Unfähigkeit dem Anderen, den Anderen gegenüber wird von Angst und Nichtwissen diktiert. Die Antwort darauf und die Mittel dagegen obliegen den Politikern, denn sie halten den Schlüssel für das Handeln in der Hand, aber ebenso obliegen sie den Kulturschaffenden wie uns. Doch von welcher Politik sprechen wir?  Sicherlich nicht von derjenigen, die spaltet und entzweit. Diese sehen wir allerorts am Werk und sie nagt an allen Freiheitsräumen, die wir im Lauf der Geschichte so teuer erkauft haben. In Frankreich, in Deutschland und überall in Europa.

Vor einigen Tagen verfolgte ich die ganze Nacht lang die Ergebnisse der holländischen Wahlen, um im Morgengrauen zwar etwas beruhigt zu sein, aber für wie lange? In Deutschland verfolge ich täglich eure Nachrichten. Wie du weißt, ist dein Land meinem Herzen besonders nah und es war immer überaus großzügig meiner Musik gegenüber. Die deutsche Politik schien mir immer ein demokratisches Modell für Europa. Vor allem heute, da die fauligen Ausdünstungen einer anderen Geschichte auch mein Land durchstreifen.
  
Musik kann Unterschiede zusammenfügen und sie in eine Vorstellungswelt von Hoffnung und Leben übertragen. Die meine wird von Einflüssen durchströmt, die über die Ufer des Mittelmeers hinausreichen. Meine Oper Passion endet mit einem Oud-Solo, dem arabischen Instrument schlechthin. Penthesilea weist Melodien auf, deren Inspiration aus dem Irak, Syrien oder Armenien stammt. Für eine Szene mit Achilles habe ich spaßeshalber alte bayrische Musik gehört, da ich etwas von diesem volkstümlichen Schwung erfassen wollte, der der deutschen Kultur so wesenseigen ist.
  
In meiner Oper ist das nicht herauszuhören, ich zitiere nichts und trotzdem kommt es daher. Heute schreibe ich einen Macbeth und fürchte, es gibt kein aktuelleres Thema. Genau wie Macbeth leiden viele unserer Zeitgenossen an Wahnvorstellungen, die in ihnen eine blindwütige Illusion des Bösen hervorrufen…

Dies also kann meine Art sein, der Welt meine Besorgnis zu bezeugen. Wir müssen alle zusammenhalten. Keiner von uns darf den anderen alleine lassen…

In alter Verbundenheit
Pascal Dusapin
(Pascal Dusapin ist Komponist aus Nancy)

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Pfarrer Közer schreibt an Erzbischof Minnerath


Sehr geehrter Herr Erzbischof Minnerath!

Auch in diesem Jahr haben wir die Osterkerzen zwischen den beiden Kathedralen St.Benigne in Dijon und St.Martin in Mainz getauscht. Damit folgen wir einer jahrelangen Tradition.

Wir sind dankbar für die große Gastfreundschaft, die wir in Dijon immer wieder erleben. Wenn in der Osternacht das feierliche Exsultet vor der brennenden Kerze erklingt, erinnern wir uns an die Gemeinschaft der Glaubenden. Auch in den Gemeinden St. Bernard/Dijon und St. Bernhard/Mainz wird die Kerze uns an die Verbindung unserer beiden Völker erinnern.

In diesem Jahr feiern wir 60 Jahre Partnerschaft Rheinland-Pfalz/Burgund. Es wird deutlich, dass wir gemeinsam in Europa auf dem Weg sind. Vieles in unserer Kultur verbindet uns. Trennungen versuchen wir zu überwinden und Verwundungen werden geheilt. Viele Gespräche mit Menschen in Dijon ermutigen, diese Wege der Zusammenarbeit und Einheit weiter zu gehen.

Die gegenseitige Wertschätzung des je anderen ist zum Alltag geworden. Gerne erinnere ich mich an Ihre mutigen Worte anlässlich des Gedenktages des Bombardements auf Mainz am 27. Februar vor einigen Jahren. Ihre Worte haben in Mainz eine große Aufmerksamkeit erfahren.

Ich wünsche mir, dass wir unsere Gemeinsamkeiten ausbauen und das gemeinsame Europa nicht aus den Augen verlieren.

In herzlicher Verbundenheit
Pfarrer Kölzer
(Markus Kölzer, geboren 1960, ist seit 2005 Dekan des Katholischen Dekanats Mainz)

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Sehr geehrter, lieber Herr Pfarrer Kölzer!

Erzbischof Minnerath schreibt an Pfarrer Kölzer


Seit Jahren pflegen unsere beiden Diözesen die freundschaftlichsten Beziehungen, die auch auf der Ebene der Pfarreien St. Bernhard von Mainz-Bretzenheim und Dijon intensiv getragen werden. Unsere Partnerschaft wurde zusammen mit der Partnerschaft Rheinland-Pfalz/Burgund besiegelt. Während diesen 60 Jahren hat sie nur zugenommen.

Die Anfänge sind immer Zeiten der Begeisterung. Dann kommt die Zeit der Konsolidierung und des Ausbaus, für manche auch des sinkenden Interesses. Wir aber halten fest in einer Zeit der „Europamüdigkeit“, die uns bedroht. Europa hat sich wahrscheinlich zu stark auf Verwaltung und Wirtschaftsmaßnahmen konzentriert, so dass die ursprüngliche geistliche Perspektive verloren gegangen ist.

Als katholische Kirche können wir nur unsere Beziehungen verstärken und uns jedes Jahr über den Osterkerzenaustausch freuen. So leisten wir unseren besonderen Beitrag zum Zusammenwachsen der europäischen Völker.

Wir sprechen nicht nur von „christlichen Wurzeln“, die erhalten werden sollen, wir halten fest an der Quelle, die nie versagt hat und die uns immer weiter führt auf dem Weg des fröhlichen und freundschaftlichen Zusammenlebens. Ihnen und Ihrer lieben Pfarrgemeinde ein gesegnetes Osterfest.

In herzlicher Verbundenheit
Erzbischof Minnerath
(Roland Minnerath, geboren 1946, ist seit dem Jahr 2004 Erzbischof von Dijon)

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Jens Ivo Engels schreibt an Frédéric Monier


Cher Frédéric,

Frankreich steht vor entscheidenden Wahlen – auch in Deutschland wird im September gewählt. Angesichts von Euro-Krise und Brexit wird sich Europa im Anschluss an die Wahlen neu erfinden müssen. Müssen wir uns Sorgen machen? Ich hoffe nicht.

Seit 2011 arbeiten wir gemeinsam an einem Forschungsprojekt zur Geschichte der politischen Korruption in Frankreich und Deutschland – ein Thema, das immer aktueller wurde! Wir haben gemeinsam viel gelernt in dieser Zeit.

Wir haben erfahren, welche unterschiedlichen Umgangsformen unsere beiden Länder mit Korruption und mit „Faveurs“ in den letzten zweihundert Jahren entwickelten. Wir haben aber auch gelernt, wie das Problem beide Gesellschaften ganz ähnlich betraf: In der preußischen Verwaltung gab es ebenso dichte Netzwerke wie in der französischen; Korruptionsskandale gab es im Kaiserreich genauso wie in der französischen Dritten Republik.

Sehr viel haben wir über die unterschiedlichen wissenschaftlichen und intellektuellen Stile in unseren Ländern erfahren. Wir haben gut daran getan, unsere Diskussionen in Französisch und Deutsch zu führen, anstatt auf das Englische auszuweichen. So haben wir am meisten voneinander gelernt.

Aus einer kleinen Gruppe ist mittlerweile eine größere Mannschaft geworden, mit Kolleginnen und Kollegen aus mehreren Ländern der EU und darüber hinaus. Ich wünsche mir, dass es in der großen Politik ähnlich wird – Deutschland und Frankreich bauen gemeinsam am neuen Europa.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass es so kommt. Vous ne nous quittez pas!

Amicalement
Jens Ivo
(Jens Ivo Engels ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Darmstadt)

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Frédéric Monier schreibt an Jens Ivo Engels


Lieber Jens Ivo,

die französische Gesellschaft befindet sich in einer lang anhaltenden Krise: Seit April 2002, als sich J. M. Le Pen und J. Chirac in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen gegenüberstanden, wankt und bebt die politische Landschaft Frankreichs. Heute erleben wir vor dem Hintergrund der Korruptionsvorwürfe eine neue Episode.

Unsere Forschungsprogramme seit 2011 haben uns gelehrt, diese Frage besser zu verstehen. Du hast recht, wir haben bewiesen, dass sich die Phänomene der Gefälligkeiten auf beiden Seiten des Rheins ähneln. Bei der Untersuchung der einzelnen Geschichten haben wir immer mehr gemeinsame Entwicklungen entdeckt. Dies gilt auch für die mediatisierten Skandale, die es Ende des 19. Jahrhunderts in unseren beiden Ländern gab.

Ihre Kraft ist wechselnd und in bestimmten Fällen, wie bei der Weimarer Republik oder der Dritten Republik, bewirken sie eine tief greifende Destabilisierung der politischen Systeme. Unsere Untersuchungen zeigten auch, dass sich die Ähnlichkeiten mit heutigen Ereignissen in Grenzen halten.

Diese Projekte waren damals, und sind es heute noch, ein schönes menschliches Abenteuer. Dadurch durften wir uns mit jungen Kollegen und erfahrenen Wissenschaftlern austauschen, und unsere anfänglichen Hoffnungen wurden sogar noch übertroffen. Zu unserer großen Überraschung interessierten sich auch Historiker aus anderen Ländern für diese Untersuchungen, und unsere Vorschläge wurden von einem europäischen Team als wissenschaftliche Diskussionsgrundlage verwendet.

Hoffen wir, dass dies auch auf politischer Ebene der Fall sein wird und dass unsere beiden Länder der Europäischen Union auch nach diesen Wahlen in Frankreich und in Deutschland dabei behilflich sein können, sich neu zu erfinden. Der Kurs steht fest: Wir verlassen Euch nicht.

Mit herzlichem Gruß
Frédéric
(Frédéric Monier ist Professor für Neueste Geschichte an der Universität Avignon)

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Reinhard Breidenbach schreibt  Prof. Dr. Henri Ménudier


Sehr geehrter Herr Professor Ménudier,

Frankreich wird seit 1789, seit dem Sturm auf die Bastille, geprägt von revolutionärem Geist – im positiven, im schöpferischen, im kreativen Sinn. Eine Große Nation lebt auch vom Aufrührerischen, Unangepassten, Eigenwilligen, Eleganten, Unverwechselbaren. Von Stolz und Unbeugsamkeit, in gleichem Maße von Toleranz, Höflichkeit, Zuvorkommenheit, von Nonchalance.

Frankreich hat uns, dem Erbfeind, die Hand gereicht, über die Gräber von Verdun hinweg. Dieser Handschlag muss für die Ewigkeit gelten. Frankreich hat es ausgehalten, dass Adolf Hitler durch die Straßen von Paris fuhr und den Eiffelturm betrachtete, als gehöre er ihm. Etwas, was damit auch nur im Entferntesten eine Ähnlichkeit hätte, darf niemals wieder geschehen. Auf keiner Seite.

Frankreich und Deutschland müssen unzertrennlich sein im Kampf gegen Faschismus. Frankreich und Deutschland sind nun, ob sie es wollen oder nicht, die wichtigsten Staaten der Europäischen Union – die zu zerbrechen droht. Woran? Ist es vorstellbar, dass sich, wann auch immer in Zukunft, eine französische Präsidentschaft aus Populismus oder gar Faschismus speist und alle Errungenschaften moderner Liberalität gefährdet oder zerstört? Was ist da bloß schief gelaufen in europäischen Staaten, in denen der Rechtspopulismus Konjunktur hat, in denen Nationalismus und Protektionismus aufzublühen scheinen?

Die Frage lautet: Welche Fehler haben Politiker begangen? Die Frage lautet aber auch: Welche Fehler – im Denken – begehen Bürger und Wähler? Fragen wie diese zu beantworten, ist Ihre Profession und Ihre Berufung als Professor. Sie haben Ihren Studentinnen und Studenten die Dinge des Lebens und der Politik erklärt, Sie haben als Deutschland-Experte, der unsere Sprache spricht, französische Regierungen beraten.

Sie und ich, wir sind uns zum ersten Mal vor eineinhalb Jahrzehnten bei einer Diskussionsveranstaltung begegnet – auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz. Das Hambacher Fest von 1832 gilt als die Wiege der deutschen Demokratie mit ihren Freiheitsrechten. Mittlerweile aber deuten Rechtspopulisten das Fest um und stellen es als eine Wiege des Nationalismus dar. Diese Rechtspopulisten nennen sich Patrioten und wollen das Schloss als ihre Heimstatt okkupieren.

Was ist da geschehen, in Deutschland, aber auch in Frankreich, wo rechtslastige Kräfte nicht nur in Umfragen, sondern auch schon in manchen Wahlen stärker sind als Konservative und Sozialisten? Was, lieber Professor Ménudier, sagen Sie jungen Menschen angesichts dieser Entwicklung, und was raten Sie Regierungen in Ihrem und in meinem Land – in unserem gemeinsamen Europa?

Herzlichst
Ihr Reinhard Breidenbach

(Reinhard Breidenbach ist Chefreporter bei der Allgemeinen Zeitung)

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Prof. Dr. Henri Ménudier schreibt an Reinhard Breidenbach


Lieber Freund,

Ihre besorgten Fragen sind berechtigt, denn Frankreich erlebt eine ernste politische, wirtschaftliche und soziale Krise, die die extreme Rechte ausnutzt. Sollte Marine Le Pen die Präsidentschaftswahl am 7. Mai gewinnen, wäre es eine Katastrophe für unsere beiden Länder wie für Europa.

Durch eine Politik der „Entteufelung“ ist der Front National salonfähig geworden, obwohl seine Hauptziele sich nicht geändert haben; die Partei setzt sich für einen autoritären Staat ein, ihre Wirtschaftspolitik würde schnell chaotische Zustände schaffen. Mit dem Austritt aus der Europäischen Union und dem Euro will sie ganz bewusst das Einigungswerk zerstören, das wir seit 1950 mühsam aber erfolgreich aufgebaut haben. Wegen solcher Orientierungen wäre eine Zusammenarbeit mit Angela Merkel oder Martin Schulz undenkbar.

Die Ursachen des Rechtsextremismus sind vielfältig und gehen mindestens bis zu der Revolution von 1789 zurück. Das Ende des Königtums und des Kaiserreichs, die Wunden beider Weltkriege, die Unabhängigkeit Algeriens 1962 unter De Gaulle, Vatikan II für die traditionellen Katholiken bleiben für einen Teil der Franzosen inakzeptabel. Diese Bürger betrachten heute die europäischen Institutionen und die Globalisierung als Todfeinde der nationalen Souveränität.

Der Antiparlamentarismus, die Xenophobie, der Nationalismus, der Protektionismus und der Antiislamismus sind tief verankert. Das Misstrauen gegenüber der Politik und gegenüber den Politikern ist enorm, das wirtschaftliche Wachstum bleibt schwach, der Staat verschuldet sich immer mehr, das französische Außenhandelsdefizit ist erschreckend.

Die Grande Nation spielt nur noch eine Nebenrolle in der Außenpolitik. Viele Wähler fühlen sich einfach abgehängt und wenden sich den Extremen zu, weil sie von den Regierungen von rechts und links tief enttäuscht sind. Die Lage ist trotzdem nicht verzweifelt, weil Frankreich gute Trümpfe besitzt und sich durch Reformen wieder aufrichten kann.

Sie als Journalist und ich als Hochschullehrer dürfen innerhalb der Zivilgesellschaft den Kampf für Demokratie und Solidarität nicht aufgeben. Wir wollen ein tolerantes und weltoffenes Europa, das Hass, Grenzen und Mauern ablehnt. Viele junge Menschen machen mit, sie wissen, dass Europa der natürliche Rahmen für ihre Zukunft geworden ist, sie lehnen die Abkapselung von der Außenwelt ab. Zusammen können wir viel erreichen.

Um mit den Krisen fertig zu werden, brauchen wir den deutsch-französischen Dialog für Europa. Ich freue mich, dass Ihre Zeitung ihn vertieft.

Mit den besten Grüßen aus Paris,
Prof. Dr. Henri Ménudier
(Henri Ménudier ist einer der führenden Politologen in Frankreich)

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Uwe Eric Laufenberg schreibt an Jean-Philippe Clarac & Olivier Deloeuil

Lieber Jean-Philippe, lieber Olivier,  

sehr freue ich mich auf unsere Zusammenarbeit am Hessischen Staatstheater Wiesbaden: Ihr Franzosen aus Bordeaux werdet eine deutsche Oper von Richard Strauss machen, die im Nahen Osten spielt und auf einem englischen Text von Oscar Wilde beruht, der – als in England seine Welt zusammenbrach – nach Paris kam, um zu sterben.

Gleichzeitig frage ich mich, ob im Jahr 2019, wenn Eure Arbeit in Wiesbaden zu sehen sein wird, Frankreich noch offene Grenzen haben wird, ob die europäische Idee dann vielleicht wie Oscar Wilde auch in Paris zum Sterben kam. Als ich mit meinen Eltern in den 60er Jahren in einem deutschen Auto durch Paris fuhr, natürlich ohne Navi oder Google im Handy, mit einem Stadtplan in der Hand meiner Mutter, die nicht finden konnte, wo wir gerade waren, fragten wir durch das herunter gedrehte Fenster einen Polizisten nach dem Weg und was geschah? Er murmelte „Boche“ (Deutsche Schweine) und drehte sich ab. Seitdem ist so viel geschehen, dass wir uns nicht mehr als „Schweine“ sehen!

Die offenen Grenzen zwischen unseren Ländern, so viel Gemeinsamkeit und Austausch, auch und gerade in der Kultur, haben uns glauben lassen, dass man eine solche Szene nicht mehr erleben muss. Als ich an der Oper Marseille gearbeitet habe, habe ich die Spannung in dieser Stadt zwischen einem Markt, der wie ein Ort in Afrika war, und den mit deutschen Schäferhunden bewaffneten und rechte Parolen vor sich hin redenden weißen Bürgern beobachten können.

Diese Spannung, dachte ich damals, kann Gesellschaften zerreißen. Dass sie einmal ganz Europa zerreißen könnte, konnte ich mir damals nicht vorstellen. Auch heute kann und will ich nicht glauben, warum das passieren sollte. Es würde nichts verbessern. Es würde uns unendlich schwächen und auseinander treiben, aber kein Problem wäre gelöst. Lasst uns bitte überlegen, wie wir gemeinsam daran arbeiten können, so viele Menschen wie nur möglich davon zu überzeugen, dass wir in einem Europa leben, das in den letzten 70 Jahren von Frieden, Freiheit, einer freundschaftlichen Beziehung, einer gemeinsamen Währung, einem wirklichen Kulturaustausch profitiert hat. Dass wir gemeinsam in Europa auch über ein besseres Leben im Nahen Osten und in Afrika nachdenken können und müssen. Dass es aber keinen Sinn macht, dieses „Gemeinsam“ zu zerstören. Und dass es sehr viel mehr Sinn macht, dieses GEMEINSAM weiter zu entwickeln.

Herzliche Grüße
Uwe Eric Laufenberg
(Uwe Eric Laufenberg ist Intendant des Staatstheaters Wiesbaden)      

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Jean-Philippe Clarac & Olivier Deloeuil schreiben an Uwe Eric Laufenberg

Lieber Uwe Eric,

wir waren von Ihrem „Ne-me-quitte-pas“-Schreiben tief berührt. Wie Sie perfekt verstanden haben, ist die Oper für uns, mehr als alles, eine politische Kunstform. Unsere Form der dramatischen Kunst konzentriert sich auf die ausgewählten Arbeiten, aber auch auf die politischen Unterströmungen der Stücke. Deshalb fühlten wir uns durch Ihren Text über die Zukunft Europas aufrichtig berührt. Sie haben recht: Mit den Jahren wurde das europäische Projekt von einer Identitätskrise überflutet. Aber es ist unsere Aufgabe (wenn nicht gar unsere Pflicht) als Künstler, unsere Stimme zu erheben und die Frage nach der Zukunft der europäischen Identität anzugehen.

Wir müssen die friedvolle Gesinnung eines „Vivre Ensemble“ auf dem gesamten europäischen Kontinent fördern, heute noch mehr denn je. Wir stehen Ihnen zur Verfügung, und unser gesamtes Team französischer Künstler wäre geehrt, ZUSAMMEN an jeder Art von künstlerisch-kulturellem Projekt in Deutschland über die europäische Identität und über unsere gemeinsame Zukunft als europäische Bürger zu arbeiten. Bitte schauen Sie sich kurz den Teaser auf der beigefügten DVD an: Dies ist eine Produktion von Strawinskys Geschichte vom Soldaten, die wir 2014 kreiert haben, zur Präsentation vor den Monumenten der Gefallenen... In unserer Produktion ist die kranke Prinzessin eine klare Metapher für das zeitgenössische Europa. Eingewickelt in die europäische Flagge kollabiert sie immer wieder auf der Bühne, trotz aller Versuche des Soldaten, sie zu retten...

Dies wird Ihnen definitiv zeigen, dass wir gleicher Ansicht sind! Wir fühlen uns sehr geehrt, eingeladen zu sein, Salomé von Strauss in Ihrem Theater 2019 aufzuführen und es ist uns eine Ehre, mit Ihnen zu arbeiten. Wir freuen uns über weitere Diskussionen mit Ihnen über Frieden und Einheit in Europa.

Freundliche Grüße
Jean-Philippe Clarac & Olivier Deloeuil
( Jean-Philippe Clarac & Olivier Deloeuil sind ein französisches Regie-Duo)

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Amelie Heß schreibt an David Poinsignon

Lieber David,

nur noch wenige Wochen bis zur Wahl in Frankreich. Die vergangenen Wahlen, wie die Entscheidung um den Brexit und die Wahl in den USA, zeigen, dass Aussagen von Meinungsforschern und Umfragen nur noch bedingt zu glauben ist.

Was ist Dein Gefühl, wie ist die Stimmung im Land? Sind wirklich so viele Menschen gegen den Euro, gegen die Europäische Union? Was entgegnest Du diesen Menschen? Ich sehe so viele Vorteile in der EU. Allein die Tatsache, dass wir uns einfach so schreiben, ja sogar einfach treffen könnten, haben wir der EU zu verdanken.

Du könntest mich in Deutschland, ich könnte dich in Frankreich besuchen, ohne Grenzkontrollen, ohne lange Wartezeiten auf Ämtern, um eine Einreiseerlaubnis zu bekommen. Ich hatte mal eine Freundin, deren Freund in Paris gelebt hat. Das war eine Wochenendbeziehung, die über Ländergrenzen hinweg ging. Aber dank der europäischen Reisefreiheit war das alles kein Problem.

Auch wenn die EU ein großes Konstrukt ist, bürokratisch und oft behäbig, so ist sie doch für viele Vorzüge, die wir genießen ohne sie noch recht als solche wahrzunehmen, verantwortlich. Darüber hinaus, und das ist doch eigentlich das Wichtigste, wie ich finde, leben wir dank der EU seit Ende des Zweiten Weltkriegs – und damit so lange wie noch nie zuvor – in Frieden. Ich bin mir sicher, ohne die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der ersten Vereinigung über die unsere beiden Heimatländer Frankreich und Deutschland sich wieder näher gekommen sind, würden wir heute nicht in dem Wohlstand und Frieden leben, in dem wir leben.

Wie siehst Du das? Ich weiß, dass die Arbeitslosenzahl in Frankreich – gut 3,5 Millionen Franzosen haben keinen Job – weit höher ist als in Deutschland. Aber ein Ausstieg aus der EU würde die wirtschaftlichen Probleme nur noch verschlimmern. Was meinst Du? Ich freue mich, von Dir zu hören.

Viele Grüße,
Amelie
(Amelie Heß, Jahrgang 1991, ist Volontärin bei der VRM)

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David Poinsignon schreibt an Amelie Heß

Liebe Amelie,

wie es in Großbritannien und sogar in Deutschland angesichts des Erfolgs der AfD der Fall ist, ist auch Frankreich nicht vor dem Gefühl des Misstrauens gegenüber der EU gefeit. Viele Menschen denken, dass die Europäische Union von ihren alltäglichen Sorgen weit entfernt sei, obwohl sie die EU Tag für Tag selbst leben. Aber jedes Mal, wenn sie die Grenzen überqueren, bestimmte Produkte konsumieren oder Geschäftsbeziehungen führen, haben sie es mit den Errungenschaften der EU zu tun.

Ich selbst bin in Lothringen aufgewachsen, einer Region, wo die Grenzen Frankreichs, Deutschlands, Luxemburgs und Belgiens aufeinandertreffen. Genauso wie du sehe ich auch, in welchem Maße die EU die Dinge verändert hat und dass dies viele Vorteile mit sich bringt. Allerdings ist es wahr, dass die europäischen politischen Institutionen weit entfernt vom Bürger zu sein scheinen. Die Art, wie sie ihre Entscheidungen treffen, bleibt sehr unklar. Dies verhindert sicherlich eine stärkere Bindung an die EU. Dennoch bleibe ich optimistisch. Seit Beginn des europäischen Abenteuers ist trotz allem bei den Bürgern der gesamten Europäischen Union ein wichtiges Gefühl entstanden.

Sie wollen nicht auf ihre Zugehörigkeit zu Europa verzichten. Es liegt an uns, die europäische Bürgerschaft zu entwickeln und die Union mit Leben zu füllen. In meinen Augen ist die Union nicht einfach nur eine Wirtschaftsunion mit einem Binnenmarkt und einer gemeinsamen Währung, dem Euro.

Du hast sicherlich recht, Amelie, ein Austritt aus der Europäischen Union würde die wirtschaftlichen Probleme Frankreichs nicht lösen. Die EU zu verlassen würde bedeuten, ein politisches Projekt aufzugeben, das Frauen und Männer, die einst Feinde waren, in Mitbürger verwandelt hat, die ein gemeinsames Schicksal teilen. Dieses gemeinsame Schicksal ist für mich der Sinn der Europäischen Union!

Grüße,
David
(David Poinsignon, geboren 1989, studiert in Caen in der Normandie)

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Stefan Schröder schreibt an Plantu

Lieber Plantu,
warum fangen wir jetzt auf einmal an, Briefe zu schreiben? Geht das wieder los? Wollen die Deutschen allen zeigen, wie toll sie sind; jetzt also als Volk der Dichter und Denker, als Meister der literarischen Form? Früher überschwemmten sie Frankreich mit Soldaten, dann mit ihren Autos, nun also mit Briefen? Nein, keine Angst, dieses Mal ist es anders. Dieses Mal haben wir Angst; manche nennen dieses Gefühl German Angst, weil unser Volk seit einigen Jahrzehnten zur Hysterie neigt. Aber diese Angst können nur Sie als Franzose mir ausreden.

Wir sorgen uns nämlich, dass Ihr uns verlasst, Ihr Frenchies. So haben wir die Franzosen gerne genannt, wenn sie zum Schüleraustausch in unsere Stadt kamen. Junge Männer – und junge Frauen, über den Rest schweigen wir. Wir lesen, wir hören, wir sehen, dass es in unserer westlichen Nachbarschaft große Aufregung gibt. Kann es wirklich so weit kommen, dass Frankreich die Europäische Union verlässt, den Euro aufgibt und wieder in Francs und Centimes bezahlt? Wie ist es so weit gekommen. Die Deutschen hätten die EU erfunden, um auf diese Weise doch noch die Herrschaft über Europa zu erringen.

Unsere Madame Merkel, lese ich, beutet die Franzosen aus. Was ist da passiert, seit die freundlichen älteren Herren De Gaulle und Adenauer, Schmidt und D’Estaing oder Kohl und Mitterrand zum Teil sogar Händchen gehalten haben? Es stimmt: Unsere Beziehung ist in die Jahre gekommen. Aber es ist doch noch eine Beziehung – wie die Ehe eines alten Paares. Die Liebe ist vielleicht nicht mehr so heißblütig wie am Anfang, aber sie ist tief und innig; jeder ist ein wenig Teil des Anderen geworden. Wir essen Euren Camembert, Ihr mögt unser Bier. Und was noch viel wichtiger ist: Dieses Paar zieht den europäischen Karren, die Beiden bilden das Rückgrat der Union. Der Frieden zwischen diesen ehemaligen Todfeinden war die Basis für alles,was folgte, inklusive der Römischen Verträge vor 60 Jahren. Mein Urgroßvater baute 1915 bei Soissons Schützengräben, mein Onkel riss als 17-jähriger Kriegsgefangener 1945 am Strand der Normandie die Bunker der Wehrmacht wieder ab. Dazwischen starben Millionen von Männern, Frauen und Kindern. Sinnlos. Nie wieder wollen wir so etwas erleben. Auch nicht unsere Kinder oder Enkel.

Können wir, kann ich irgendetwas tun, damit Ihr bleibt? Sagen Sie es mir, schreiben Sie es oder zeichnen Sie am besten, lieber Plantu!

Mit besten Grüßen
Ihr Stefan Schröder
(Stefan Schröder ist Chefredakteur des Wiesbadener Kurier)

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Nanette Scriba schreibt an Gladys Robert


In diesen Tagen kurz vor Eurer Präsidentschaftswahl denke ich oft an Dich. Wir hatten so viele Diskussionen, auf unseren gemeinsamen Wanderungen in Kap Verde, Diskussionen über den Zustand der Welt, Europas und Frankreichs. Vor allem auf Dein Heimatland warst Du nie sehr gut zu sprechen, hast temperamentvoll geschimpft auf die korrupte Polit-Elite, über Bürokratie und ungerechte Steuerbelastungen und eine mangelhafte Integrationspolitik.

Für mich war Frankreich immer ein Sehnsuchtsziel, „terre promise“ vor allem in jungen Jahren. Sommer für Sommer reisten meine Eltern mit mir, meinen vier Geschwistern, der Großmutter, Zelten und Segeljolle in die Provence. Diese langen, abenteuerlichen, unwiederbringlich schönen Ferienwochen prägten meine Teenagerzeit. Zumal ich dort, an den abendlichen Lagerfeuern mit meinen copains und copines auch die französischen Chansons kennen und lieben und singen lernte, die dann den Grundstock meiner Sangeslaufbahn bildeten.

Neben den Sommerferien en famille durfte ich als Gymnasiastin und Kunststudentin von zahlreichen Austauschprojekten profitieren – vom Konzert mit dem Schulorchester in Châlons-sur-Marne bis hin zur Studienreise nach La Bégude-de-Mazenc. Die deutsch-französische Freundschaft, Resultat einer großartigen zivilisatorischen Leistung - der Versöhnung der beiden „Erbfeinde“ nach den Weltkriegsdesastern – ist doch aus unser aller Leben gar nicht mehr wegzudenken! Nach wie vor ist sie das Herzstück eines vereinten Europas, dieses unverzichtbaren Bollwerkes westlicher Werte. Ein Garant für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, ein Erfolgsprojekt, bei aller zum Teil berechtigten Kritik an den Institutionen.

Und nun müssen wir tatsächlich erleben, dass diese Wertegemeinschaft ins Wanken gerät – auch durch islamistischen Terror und ungeregelte Immigration, weit mehr aber noch durch die einschlägigen Populisten, Rassisten, Nationalisten, die Ängste schüren, das Rad der Geschichte zurückdrehen und die EU zertrümmern wollen. Wer dieses Geschäft bei Euch in Frankreich betreibt, und zwar erschreckend erfolgreich, weißt Du nur zu gut und bist genauso entsetzt darüber wie ich.

Liebe Gladys, liebe Franzosen, am 23. April habt Ihr eine veritable Chance, diesen Rattenfängern das Handwerk zu legen. Wem wirst Du Deine Stimme geben? Wie oft hast Du gesagt, Frankreich braucht dringend Erneuerung, moralisch, politisch, ökonomisch. In meinen Augen gibt es eigentlich nur einen, dem man das derzeit zutrauen kann: Eurem Überraschungskandidaten Emmanuel Macron. Ich glaube nicht an Heilsbringer, aber ich sehe da ganz viele Qualitäten: er ist jung, unverbraucht und smart. Parteiunabhängig und reformfreudig. Und er bekennt sich als einziger der Kandidaten voll und ganz zu Europa!

Feststeht: Eine schwache Wahlbeteiligung nützt vor allem den Europagegnern Le Pen und Co. Deshalb: An die Urnen, citoyens! En marche!

Je t'embrasse,

Nanette
(Nanette Scriba ist Songpoetin und Malerin und lebt im Rheingau sowie auf Kap Verde) 

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Gladys Robert schreibt an Nanette Scriba


Liebe Nanette,

wie Du weißt, bereiten mir Deine Briefe stets Freude! Im Laufe unserer jährlichen Begegnungen erzählte ich Dir oft, welche Erregung mein geliebtes Land Frankreich in mir hervorrief! Bei dieser Wahl stehen so viele Bürger vor einer quälenden Entscheidung: Soll man überhaupt wählen? Und wenn, wen und wozu? Soll man gegen jemanden oder für jemanden stimmen? Soll man wählen, nur um Marine Le Pen und ihre rechtsextreme Partei daran zu hindern, an die Spitze dieses Landes zu gelangen? Wir wählen und legen dann unsere Schicksale in die Hände jener, die wir wählen ...

Soll man nun also für jemanden stimmen? Für denjenigen oder diejenige, der oder die eine Rückkehr zu einer „Demokratie“ verkörpern und diesem Wort wieder Sinn verleihen könnte? Saint-Exupéry schrieb: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Wie Du weißt, durfte ich berufsbedingt viele Menschen aller Horizonte begrüßen. Ich habe ein recht gutes Urteilsvermögen, das sich häufig bestätigt. Benoît Hamon hat mich in seinen Bann geschlagen. Letztendlich hat mich sein Programm für sich eingenommen, aber auch der Mann selbst: Es ist innovativ und berücksichtigt die aktuellen Wirklichkeiten unseres Landes und der Welt; man wird sich ihm nicht dauerhaft verschließen können. Ich werde Dir sein Programm nicht im Detail darlegen – Du kannst es selbst zur Kenntnis nehmen –, aber er will mit innovativen, wirkungsvollen Lösungen ein neues Kapitel aufschlagen. Schau oder hör Dir die Präsentation seines Reformentwurfs an; mit einfachen Worten und Sätzen erklärt er, wie er regieren will.

Ich mag seine respektvolle Haltung, die „links sein“ wieder Sinn gibt. Allerdings erlaubt es die mangelnde Vertrauenswürdigkeit der übrigen Kandidaten, von denen einige nicht über die offenen Vorwahlen hinaus gekommen sind, nicht, grundsätzlich Vorzeichen für eine respektvolle Haltung gegenüber den Bürgern zu sehen!

Ich bin, das weißt Du, eher links als rechts gesinnt. Ich sähe lieber eine besser ausgeglichene Welt, und, weißt Du, ich habe den Glauben an mein Land (das Land der Menschenrechte), das, so scheint es, eine Rolle in dieser „Utopie“ spielen könnte, nicht vollends verloren. Und schlussendlich, liebe Nanette, gefällt mir auch Benoît Hamons Frau: Sie ist diskret, intelligent und zeigt eine elegante Haltung. Sie muss „Klasse“ haben, echte Klasse. Gabrielle Guallar ist die Frau, die Frankreich und die Französinnen am besten verkörpert!

Meiner Ansicht nach sind Benoît Hamon und seine Lebensgefährtin Gabrielle zwei „Wesen“, die würdig sind, an der Spitze des Staates zu stehen. Ah, noch eines zum Schluss: Ich bin zutiefst europäisch, trete aber für ein Europa im Einklang mit seinen Bürgern ein! Ich weigere mich, als Geisel genommen zu werden! Wir werden ganz bald noch einmal über all das sprechen, nicht wahr?

Bis dahin sei umarmt!

Gladys
(Gladys Robert ist Hotelbesitzerin aus der Aquitaine in Südfrankreich)

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Malu Dreyer schreibt an Jonathan Spindler


Lieber Jonathan Spindler,

es hat mich sehr gefreut, dass Sie als französischer Studierender vor etwa einem Jahr bei mir in der Staatskanzlei ein Praktikum absolviert haben. Die Zeit war für beide Seiten eine tolle Erfahrung – für Sie, weil Sie hoffentlich lehrreiche und abwechslungsreiche Wochen bei uns verbracht haben und für uns ebenso, weil wir von dem Austausch mit Ihnen, von neuen Impulsen und Ideen profitieren konnten.

Für junge Menschen wie Sie ist es heutzutage ein ganz selbstverständlicher Teil ihres Lebens, zum Studium oder für Praktika die Grenze nach Deutschland zu überqueren. Sie kennen es nicht anders. Auch ich persönlich gehöre zu der glücklichen Generation der Menschen, die die Freundschaft zu Frankreich von klein auf als normal erleben konnte.

Als mit dem Schengener Abkommen von 1985 die Grenzkontrollen abgeschafft wurden, konnte ich als junge Frau zum ersten Mal nach Frankreich reisen, ohne an der Grenze einen Pass vorzeigen zu müssen – für mich persönlich eine ganz wunderbare Erfahrung. Während meines Jurastudiums hatte ich die Chance, während eines Auslandssemesters in Frankreich drei Monate lang Dijon und drei Monate lang Nizza zu erkunden. Die französische Kultur und das Savoir-Vivre habe ich in dieser Zeit kennen und lieben gelernt! Den guten Kontakt zu Frankreich habe ich auch in meinem späteren Berufsleben als Politikerin aufrecht erhalten.

In meiner Zeit als hauptamtliche Bürgermeisterin von Bad Kreuznach bot mir die Städtepartnerschaft mit Bourg-en-Bresse in der Region Auvergne-Rhône-Alpes die Möglichkeit, mit französischen Bürgern und Bürgerinnen im Kontakt und Austausch zu sein. Als Ministerpräsidentin schätze ich unsere langjährige Partnerschaft mit der Region Burgund Franche-Comté. Auch die Verflechtungen in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sind ein gutes Beispiel unserer lebendigen Partnerschaft und Freundschaft, die viele Chancen für unsere Region und jeden Einzelnen vor Ort bietet.

Dabei ist es immer auch Ziel meiner politischen Arbeit, die Rahmenbedingungen für einen grenzüberschreitenden Austausch von jungen Menschen zu verbessern. Bereits bestehende Studienprogramme, wie etwa die gemeinsamen binationalen Lehramtsstudiengänge zwischen Dijon und Rheinland-Pfalz, an deren 25-jähriger Jubiläumsfeier ich vergangenes Jahr in Dijon als Bundesratspräsidentin teilnehmen durfte, zeigen die sich immer mehr ausweitende gelebte Partnerschaft zwischen unseren beiden Ländern.

Dass Sie, lieber Herr Spindler, durch Ihr Praktikum in unserer Staatskanzlei auf den trinationalen Europamaster-Studiengang, der von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gemeinsam mit den Universitäten der rheinland-pfälzischen Partnerregionen Burgund Franche-Comté und Oppeln (Polen) angeboten wird, aufmerksam wurden, freut mich ganz besonders. Durch das Studieren und Leben in drei Kernländern Europas leben Sie exemplarisch den europäischen Gedanken vor, der uns alle verbindet. Dies sind wirklich tolle Angebote für junge Menschen und ich werde mich auch weiterhin dafür einsetzen, dass in Zukunft weitere folgen werden.

Der anti-europäische Populismus bedroht die von uns allen sehr lange Zeit als selbstverständlich wahrgenommene europäische Lebenswelt. Mich erfüllt der Blick nach Großbritannien ebenso mit Sorge wie weltoffene junge Europäer wie Sie, lieber Herr Spindler. Aber es gibt auch positive Entwicklungen. Immer mehr Menschen erheben ihre Stimme, wenn Europa verunglimpft und Weltoffenheit und Freiheit verächtlich gemacht werden. Die „Pulse of Europe“-Bewegung ist ein wunderbares Beispiel, aber auch die Wahlbeteiligung und das Wahlergebnis in den Niederlanden zeigen: die Mehrheit der Bürger und Bürgerinnen lässt sich von anti-europäischem Populismus nicht in die Irre führen. Frankreich ist für uns in Rheinland-Pfalz unser engster und wichtigster Partner.

Ich hoffe sehr, dass sich die französischen Bürger und Bürgerinnen bei den kommenden Wahlen, aber auch im alltäglichen Leben, gegen den Populismus entscheiden und aktiv zur Europäischen Union, zur Freundschaft mit uns, bekennen. Ich glaube fest daran, dass Ihre Landsleute, genauso wie Sie, den Weg der Freundschaft gehen werden, und appelliere an unsere französischen Freunde und Freundinnen gemäß des Chansons von Jacques Brel: „Ne me quitte pas“!

Amicalement

Malu Dreyer
(Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz)

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Jonathan Spindler schreibt an Malu Dreyer


Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin,
liebe Malu Dreyer,

ich möchte mich für Ihren Brief und die Nachricht bedanken, die Sie an mich und alle jungen Bürgerinnen und Bürger Frankreichs adressiert haben. Bei den anstehenden Wahlen werden wir eine wichtige Entscheidung treffen müssen. Viele Franzosen werden wohl eher ein Gesicht als ein Programm wählen. Schlimmer noch, die meisten wollen nicht verstehen, dass diese Wahl nicht nur die Zukunft unseres Landes, sondern ganz Europas mit bestimmen wird.

Deswegen bin ich als französischer und vor allem als europäischer Bürger besorgt. Der Populismus ist mit einem neuen Gesicht wiedergeboren, das oft seine Gefährlichkeit verschleiert. Er behauptet, einen Bruch mit der Vergangenheit zu machen, ist in Wahrheit aber nur charmanter als sein Vorgänger. Dass er damit erfolgreich ist, erlebte ich tatsächlich selbst, zum Beispiel als ich mein Auslandssemester in Polen gemacht habe und in Gesprächen mit einigen polnischen Gleichaltrigen von ihrem Euroskeptizismus überrascht wurde.

Abschottung birgt Gefahren und Frankreich könnte ihr nächstes Opfer werden. Denn Vielen scheint die EU eine unverständliche Institution in Brüssel zu sein und der Sündenbock für alle Probleme. Doch das ist nicht das Europa, das ich kennen- und lieben gelernt habe. Geboren wurde ich in Straßburg und für mich gab es nie eine Grenze zwischen Frankreich und Deutschland: Jeden Tag überquerte ich den Rhein, um Freunde zu treffen, einzukaufen oder Sport zu treiben und vielleicht war das auch meine erste Idee von Europa. Man muss nicht die Details des Schengen-Abkommens kennen, um die Freiheit der Mobilität innerhalb Europas zu erleben. Es reicht nur ein wenig Neugier und der Wille, unsere Nachbarn kennenzulernen.

Europa gibt uns so viele Privilegien, die wir leider zu schnell vergessen. Wie etwa seit mehr als 70 Jahren in Frieden zu leben. Während meines Praktikums bei Ihnen in der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz in Mainz beschloss ich dann, dass ich etwas für Europa tun möchte. In der Abteilung für bilaterale Außenbeziehungen habe ich das Vierernetzwerk kenngelernt, eine einzigartige Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz, Burgund Franche-Comté, Oppeln und Mittelböhmen. Dort habe ich verstanden, dass Europa nicht nur in Brüssel verkörpert wird, sondern auch in allen Regional- und Städte-Partnerschaften. Mit diesen politischen Kooperationen können viele verschiedene Projekte unter anderem in den Bereichen Sport, Bildung, Kultur und Religion ins Leben gerufen werden. Diese internationale Zusammenarbeit ist eine Quelle für Frieden, Toleranz und besseres Verstehen von- und untereinander.

Ich habe „mein“ Europa gefunden, das auf allen Ebenen und in allen Bereichen ohne Grenzen besteht. Genau für diese Vorstellung traf ich die Entscheidung, den trinationalen Master in European-Studies zu absolvieren und die Erfahrung zu machen, in drei europäischen Regionen zu leben. Die Wahlkampagne in Frankreich war geprägt von vielen Skandalen und Spannungen auch innerhalb der Parteien, aber wir dürfen uns trotzdem nicht zu Euroskeptizismus oder Stimmenthaltungen verleiten lassen. Die französischen Wähler müssen zu den wichtigen Werten zurückkehren, also zu Freiheit, Frieden und Demokratie. Diese Werte dürfen keine (Länder-)Grenzen kennen.

Die Lösung für die Zukunft heißt Europa und die Deutsch-Französische Partnerschaft ist ihre Säule. Deswegen muss und wird diese Freundschaft immer stark bleiben, auch über politische Unterschiede hinweg. Ich weiß, dass unsere deutschen Freunde und Freundinnen, wie Sie, liebe Frau Dreyer, viel von Frankreich erwarten. Wir werden die Deutschen nicht fallen lassen und wir werden auch Frankreich nicht verfallen lassen.

Mit herzlichen Grüßen

Jonathan Spindler
(Master-Student "European Studies")

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Julia Klöckner schreibt an Philippe Gustin


Lieber Herr Gustin,

ich schreibe Ihnen heute aus meiner Heimatstadt Bad Kreuznach, der Stadt in der sich die beiden großen Europäer Konrad Adenauer und Charles de Gaulle erstmals nach dem Krieg auf deutschem Boden trafen und den Grundstein für die gemeinsame Freundschaft und den tragenden Frieden legten.

Vor mehr als 30 Jahren ging ein Foto um die Welt. Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl Hand in Hand über den Gräbern von Verdun. Ein bewegendes Bild, dessen Botschaft man den meisten Franzosen und Deutschen der mittleren und älteren Generation nicht erklären muss. Aber wie verhält es sich denn mit den jungen Deutschen und Franzosen? Mehr noch: Was ist auch mit den jungen Holländern, Belgiern, Polen, Ungarn oder Bulgaren? Ist Europa für sie tatsächlich mehr als grenzenlose Reisefreiheit oder der freie Zugang zu Arbeitsplätzen in den Nachbarländern? Und haben wir alle uns nicht schon wie selbstverständlich daran gewöhnt, dass wir im vereinten Europa in Frieden und Freiheit leben können? Müssen wir nicht viel stärker daran erinnern, dass eine so lange Periode des friedlichen und freundschaftlichen Zusammenlebens eben nicht selbstverständlich ist?

Die Älteren wissen das aus eigener Anschauung. Sie geben ihr Wissen weiter, aber irgendwann fehlt dieser persönliche Bezugspunkt. Und wie schnell Frieden Krieg, Tod und Leid weichen kann, haben wir vor noch nicht allzu langer Zeit gar nicht weit von uns entfernt auf dem Balkan erlebt. Ich denke, es lohnt sich, für das vereinte Europa zu werben, bei Jung und bei Alt, gerade jetzt. Europa ist – bei all seinen Schwächen und Fehlern, über die wir natürlich auch sprechen müssen –, ein einzigartiges Friedensprojekt. Die Gründermütter und -väter waren sich einig in der Überzeugung, dass gefestigte Demokratien, eine erfolgreiche soziale Marktwirtschaft und die feste Verankerung und Zusammenarbeit in gemeinsamen institutionalisierten Strukturen die besten Garanten für dauerhaften Frieden sind. Das gilt bis heute. Und es gilt umso mehr vor dem Hintergrund aufkeimender nationalistischer, rechtspopulistischer und europafeindlicher Strömungen in vielen Ländern Europas.

Überlassen wir die Interpretation nicht den Le Pens, Wilders oder Höckes. Platter antieuropäischer Populismus darf keine Zukunft haben. In keinem Land Europas. Frankreich und Deutschland sind für das vereinte Europa voran gegangen und sollten das auch weiter tun. Bleibt bei uns, bleibt an unserer Seite und setzt das Kreuz in der Wahlkabine nicht bei Frau Le Pen, sondern macht ein Kreuz für die europäische Freundschaft und den Zusammenhalt.

Amicalement

Julia Klöckner
(CDU Landes- und Fraktionsvorsitzende Rheinland Pfalz)

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Philippe Gustin schreibt an Julia Klöckner


Liebe Frau Klöckner,

vielen Dank für Ihren Brief, der mir aus der Seele spricht. Als überzeugter Europäer kann ich Ihre Worte nur unterstreichen. Das Europa, das Sie beschreiben, ist das Europa, das mein Leben geprägt hat. Dieses Europa ist das Europa meines Vaters, der Kriegsgefangener in Deutschland war, und der mir in meiner Kindheit die Liebe zur deutschen Kultur vermittelt hat. Dieses Europa, das sind die zwanzig Jahre, die ich in Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien verbracht habe. Dieses Europa, das sind meine deutsch-französischen Töchter und Enkelkinder, die so sehr in beiden Sprache leben, dass sie fließend von einer zur anderen wechseln können, ohne es zu merken.

Sie beschreiben genau, worin die Schwäche Europas liegt: weil es eine so erfolgreiche Entwicklung genommen hat, denkt man, dass Europa einfach so für ewig existieren wird. Das ist ein Fehler. Der Brexit, der antieuropäische Populismus, Kriege vor unseren Haustüren beweisen uns das Gegenteil.

Ich sage immer, dass Europa wie elektrischer Strom ist: Man braucht ihn unbedingt, jeden Tag, aber niemand macht sich Gedanken darüber, denn es ist so selbstverständlich für jeden geworden, Wasser zu kochen oder Licht anzuschalten. Für die Pendler in Lothringen, die in Luxemburg arbeiten oder für die italienischen Studenten, die ihr Erasmussemester in Paris verbringen, ist es genauso. Sie atmen jeden Tag Europa aber vergessen manchmal, dass es nur Dank Schengen, dem Euro oder dem Europaparlament möglich ist.

Ohne ein Minimum an Mut, könnte man diesen Schatz verlieren. Sie haben Recht. Man muss unbedingt diese Realität immer wieder aussprechen. Und wir müssen noch viel mehr tun. Ich bin deshalb auch den vielen Menschen dankbar, die sich aus der Zivilgesellschaft heraus einbringen und wichtige Arbeit für Europa leisten. Ich denke da beispielsweise an das partnerschaftliche Engagement, das mir auf meinen vielen Reisen immer wieder begegnet. Ich bewundere das. Aber was heute fehlt ist ein politischer Wille. Unsere Regierungen haben zu oft die Verantwortung für ihre eigenen Irrtümer auf Europa verschoben. Sie waren oft zu zurückhaltend und haben zu lang gewartet, um die nötigen Reformen einzuleiten.

Nur wenn unsere europäischen Institutionen demokratischer und effizienter werden, können wir die Euroskeptiker überzeugen und unsere gemeinsamen Werte schützen. Ich habe mich für politisches Engagement entschieden, damit auch meine Enkelkinder die Chance haben, in einem offenen, demokratischen und wohlhabenden Europa zu leben, so wie ich es hatte.

Mit herzlichen Grüßen

Philippe Gustin
(Präfekt und Botschafter a.D.)

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Lisa Maucher schreibt an Olivier Le Huu Nho


Lieber Olivier,

erinnerst du dich noch, wie wir uns kennengelernt haben? Die Welt ist plötzlich so klein geworden, es gab den Chat ICQ, und ich war auf der Suche nach jemandem, mit dem ich auf französisch schreiben kann. Und dann warst da du.

Wir leben eigentlich im selben Land, es heißt Europa. Ich weiß, dass es nicht genau dasselbe Land ist, aber trotzdem, es ist derselbe Kontinent und wir sind miteinander verbunden. Wie traurig es doch wäre, wäre es anders, findest du nicht? Wir haben dieselbe Währung, teilen europäische Gesetze, ich könnte in Frankreich wohnen und du in Deutschland.

Ich weiß, dass Europa Probleme hat. Es ist kompliziert, weil es ein kompliziertes System ist und es nicht jeder gut meint, Menschen unterschiedliche Interessen verfolgen. Aber am Ende sollte doch der beste Kompromiss das Ziel sein, oder? Stell dir mal vor, Frankreich würde die Europäische Union verlassen. Es ist kein Zufall, dass sie „Union“ genannt wird. Wir sind vereint, nicht getrennt, Deutschland gehört zu einer Familie mit 27 Mitgliedern, wie auch Frankreich. Wir können zusammen an denselben politischen Idealen arbeiten, ärmere Länder können von reicheren profitieren, wir sorgen füreinander. Wir können sogar unsere Güter zollfrei exportieren. Was wiederum bedeutet, dass diese Güter günstiger verkauft werden können. Ich mag diese Idee. Man nennt sie „teilen“. Die Wirtschaft kann so wachsen, was mehr Arbeitsplätze und weniger Arbeitslosigkeit bedeutet.

Ich erinnere mich daran, als wir in der Schule über die EU gesprochen haben. Meine Lehrerin meinte, dass es darum gehe, Diskrepanzen abzubauen, um einen einheitlichen Standard zu haben, Wohlstand, ein gutes Bildungssystem und so weiter. Was denkst du denn über die Beziehung unserer Länder und von der EU? Ich mag den Gedanken nicht, dass wir eines Tages getrennt sein könnten. Ich wünsche dir einen wunderbaren Tag, Olivier, und freue mich, bald von dir zu hören!

Liebe Grüße,

Lisa
(Lisa Maucher ist Redakteurin der Allgemeinen Zeitung Mainz)

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Olivier Le Huu Nho schreibt an Lisa Maucher


Liebe Lisa,

natürlich erinnere ich mich daran, wie wir uns kennengelernt haben. Das Internet gab es da noch nicht so lang. Wenn ich daran denke, ruft das einige gute Erinnerungen in mir hervor, weil ich damals auf der Suche nach Freunden auf der ganzen Welt war. Und dann tauchst du auf, aus dem Nichts.

Also, so wie ich es sehe, empfinde ich mich als europäischer Bürger, sogar mehr als französischen. Warum? Weil ich finde, dass Europa uns dazu gebracht hat, Kultur und Wissen auszutauschen, zwischen allen Leuten auf diesem Kontinent. Es wäre traurig, aus dieser Union auszusteigen.

Wichtiger als die Gesetze und die Währung finde ich die Freundschaft und die Unterschiede. Wir haben es so weit gebracht, dass wir unsere Erfahrungen austauschen können und in Europa herumreisen können, wie in einem zusammenhängenden Land. Im Moment sind einige Leute wirklich nicht froh über die Situation in Frankreich. Ich glaube, dass wir manche Dinge erst mal regeln müssen, um da einen Weg rauszufinden. Aber feststeht: Die Union zu verlassen ist kein Weg.

Ich weiß, dass es sehr schwierig ist, nicht an unsere persönliche Situation zu denken, wenn die Stimmung gerade nicht auf dem Höhepunkt ist. Aber unsere Politiker sollten lernen, zusammenzuarbeiten. Ich glaube, wir haben immer noch Luft nach oben, was eine gemeinsame Sprache angeht etwa, dann wäre die Bürokratie einfacher. Und ich finde, dass Frankreich und Deutschland eine sehr enge Beziehung seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben, das ist super. Wir sollten mehr Gesetze teilen, das könnte unsere Perspektive erweitern.

Ich mag den Gedanken nicht, dass Frankreich die Union verlassen könnte. Deswegen sollten wir alle daran arbeiten, dass wir einfach ein Land bleiben können. Jeder Einzelne von uns kann sein Bestes oder sein Schlechtestes dazu beitragen. Ich freue mich darauf, dich bald mal wieder zu sehen.

Liebe Grüße
Olivier

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Lucia Müller schreibt an Dominique Cavaillols


Lieber Dominique,

in diesem Jahr feiern wir 50 Jahre Partnerschaft zwischen Barsac und Wöllstein. 50 Jahre, in denen wir uns jedes Jahr besucht haben, 50 Jahre, in denen wir uns näher gekommen sind, 50 Jahre, in denen wir Freunde geworden sind. Heute schreibe ich, warum diese Freundschaft so bedeutend für mich ist.

Mein Vater war Jahrgang 1921 und somit noch jung, als er im Zweiten Weltkrieg Soldat wurde. Seine Jugend wurde ihm durch Krieg und russische Gefangenschaft genommen, erst im Dezember 1949 kam er als kranker Mann nach Hause. Der Krieg hatte ihn geprägt, und das hat auch mich geprägt! Und dies gilt für viele deutsche Familien, die ähnliches erfahren haben.

Als Kind habe ich miterlebt, dass mein Vater im Jahre 1967 zum ersten Mal nach Barsac fuhr. Ich habe die Postkarte, die er voller Begeisterung von dort sandte, bis heute aufbewahrt. Ich habe erlebt, wie meine Eltern sich von Anfang an für die Partnerschaft mit Frankreich engagierten. Es waren für sie und für viele Familien sehr emotionale Begegnungen. Nach all den entsetzlichen Erfahrungen, die unsere Vorfahren miteinander gemacht hatten, bin ich froh, dass wir es geschafft haben, nicht nur gute Nachbarn, sondern Freunde zu werden.

Europa ist wahr geworden – Frankreich und Deutschland sind Teil eines vereinten und demokratischen Staatenbundes: Ein Europa, das die Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit achtet und freiheitliches Denken und Handeln respektiert. Und es sind nicht nur die gemeinsame Währung und die offenen Grenzen, die ich nicht mehr missen möchte, nein – es sind vor allem die Menschen, die ich kennen gelernt habe. Es sind die gleichen Werte, die uns verbinden. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sind heute selbstverständlich in unserem Alltag verankert und sollen es auch bleiben.

Ich bin überzeugt davon, dass die Freundschaften, die zwischen unseren Familien entstanden sind, Garant für Toleranz und Respekt, für ein offenes Miteinander und damit für Frieden und Freiheit sind. Im August werden wir uns in Barsac wiedersehen und gemeinsam 50 Jahre Freundschaft in einem weltoffenen Frankreich feiern. Darauf freue ich mich.

Herzliche Grüße nach Barsac

Lucia
(Lucia Müller ist Ortsbürgermeisterin in der Gemeinde Wöllstein)

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Dominique Cavaillols schreibt an Lucia Müller


Guten Tag Lucia,

Du hast recht. Unsere Völker waren sehr viele Jahre, ja sogar Jahrhunderte lang, entzweit. Seit 50 Jahren haben unsere Gemeinden die Wahl der Vernunft und der Brüderlichkeit getroffen. Ja, wir werden zusammen das Privileg haben, ein sehr wichtiges Ereignis für unsere beiden Gemeinden zu feiern. Wie Du es mit den Worten Deines Papas und all jener aus der damaligen Zeit sagst, wurde die Wette der Versöhnung eingegangen. Diese mutige Wette auf die Zukunft ist 50 Jahre später zu einem Erfolg geworden.

Ich freue mich sehr, dass ich als Bürgermeister zusammen mit Dir das goldene Buch unterzeichnen darf. Zum größten Vergnügen der Bürger und Bürgerinnen von Wöllstein und Barsac werden wir das 50-jährige Jubiläum der Unterzeichnung der Städtepartnerschaft feiern. 50 Jahre der Freundschaften, des gemeinsamen Lebens, der Gemeinschaft in Freud’ und Leid, die wir alle erlebt haben.

Diese Bande, die uns einen, sind unvergänglich. Sie haben mehrere Generationen geprägt, und auch wenn sich die Art und Weise zu leben und zu kommunizieren gewandelt hat, werden wir immer große Freude empfinden, wenn wir uns wiedersehen und Momente großer Geselligkeit und Brüderlichkeit teilen. Vielen Dank an Euch.

Mit herzlichen Grüßen

Dominique
(Dominique Cavaillols ist Bürgermeister im französischen Barzac)

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Kristina Sinemus schreibt an Jörn Bousselmi


Lieber Jörn Bousselmi,

unsere Region Darmstadt Rhein Main Neckar mit dem Oberzentrum Darmstadt ist eine Exportregion. Über 60 Prozent unserer Waren gehen ins Ausland und Frankreich ist einer der wichtigsten Märkte für unsere mehr als 70.000 Mitgliedsunternehmen. Bei den Exporten liegt Frankreich an zweiter Stelle, bei den Importen an vierter. Chemie, Pharma und Automotive sind die bedeutendsten Wirtschaftssektoren für den Handel zwischen unseren beiden Ländern. Allein die Merck KGaA, die ihren Sitz in Darmstadt hat, besitzt in Frankreich elf Außenstandorte und ist auch dort ein wichtiger Arbeitgeber. Die IHK Darmstadt unterstützt in Zusammenarbeit mit Ihrer Außenhandelskammer unsere Export-Unternehmen.

Unsere Firmen und ihre Partner in Frankreich profitieren seit Jahrzehnten von der EU und von dem gemeinsamen Binnenmarkt. Zusammen haben wir Wohlstand und viele Arbeitsplätze geschaffen. Aber die EU ist mehr als ein großer Wirtschaftsraum, sie ist das weltweit größte Friedensprojekt. Westlich unserer Region Darmstadt Rhein Main Neckar verläuft der Rhein. Nach dem Krieg war er Grenzlinie zwischen der französischen und amerikanischen Besatzungszone. Heute können wir ihn wie selbstverständlich überall passieren.

Diese vielen kleinen Brücken über den Rhein stehen stellvertretend für die vielen Verbindungen, die unsere beiden Länder seit 70 Jahren innerhalb der EU fest zusammenhalten. Und die Deutsch-Französische Handelskammer hat ihren Teil dazu beigetragen. Deutschland und Frankreich bilden hoffentlich auch in Zukunft den Motor Europas und wir wollen trotz mancher Krisen den Erfolg des europäischen Friedensprojekts nie aus den Augen verlieren.

Es sind zwei große Zukunftsthemen, die mich hier in der Region Darmstadt Rhein Main Neckar und der Metropolregion Frankfurt Rhein-Main umtreiben: Digitalisierung und Gründung. Gemeinsam mit London und Berlin ringt Paris um den Spitzenplatz in der europäischen Start-up-Szene. Darmstadt Rhein Main Neckar ist ebenfalls eine Gründerregion – leider ist das in Deutschland und Europa nicht so bekannt. Die hervorragenden wissenschaftlichen Einrichtungen in der Region bringen jedes Jahr hochinnovative Gründungen im technologischen Bereich hervor und es gibt zahlreiche Firmen, die diese Start-up-Szene finanziell unterstützen. Hier entwickelt sich ein enorm starker Wirtschaftsbereich, der für die Start-up-Szene in Frankreich sehr interessant sein dürfte.

Wir als IHK Darmstadt unterstützen die Gründer in unserer Region mit einem neuen Technologie- und Gründerzentrum und einem mit insgesamt vier Millionen Euro dotierten Innovationsfonds. Das Gründerzentrum soll im Herbst eröffnet werden – wir betreiben es gemeinsam mit der Stadt Darmstadt. Beim zweiten großen Zukunftsthema, der Digitalisierung, sind wir eine Vorzeigeregion. Darmstadt ist in Europa ein führender Standort für Forschung in der IT-Sicherheit. Zusammen mit anderen Partnern haben wir uns deshalb für die Auszeichnung als „Digital Hub Cybersecurity“ beworben. Wir arbeiten hier längst an unserer digitalen Zukunft. Für die Unternehmen in unserer Region und in Frankreich bieten die neuen Technologien und die Digitalisierung ein enormes Wachstumspotenzial.

Diese Chance müssen wir gemeinsam nutzen – hoffentlich in einem weiterhin vereinten und starken Europa.

Ihre
Prof. Dr. Kristina Sinemus
(Präsidentin IHK Darmstadt Rhein Main Neckar)

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Jörn Bousselmi schreibt an Kristina Sinemus


Liebe Frau Prof. Kristina Sinemus,

bald wird in Frankreich eine neue Regierung gewählt und insbesondere auf deutscher Seite wird viel darüber berichtet. Wie stellt sich Frankreich künftig politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich auf? Wie steht es um Europa, offene Märkte, Reformen, gemeinsame Werte und Ziele?

Mit einem starken Frankreich an Deutschlands Seite und einer vertrauensvollen Zusammenarbeit können wir die vor uns allen liegenden Herausforderungen gemeinsam mit den europäischen Partnern angehen und sich bietende Chancen nutzen. Eine solide wirtschaftliche Verflechtung besteht dafür bereits. Der Handel zwischen unseren beiden Ländern liegt seit Jahren auf höchstem Niveau. Dominierende Sektoren sind die Luftfahrttechnik, der Maschinen- und Anlagenbau, die sich erholende Automobilbranche, Elektro- und Elektronikgeräte, die chemische und pharmazeutische Industrie sowie die Medizintechnik. Interessant sind auch die Bereiche Umwelt und Energie, vor allem erneuerbare Energien, und natürlich die Digitalisierung der Wirtschaft. Frankreich hat zudem eine blühende und sehr kreative Startup-Szene, nicht nur in Paris.

Paris ist übrigens auch die Stadt mit der zweitgrößten Konzentration an Fortune-500-Unternehmen, nach Tokio, aber noch vor New York oder London. In jedem Fall lohnt sich in allen Bereichen immer ein intensiver Blick in die sich schnell und gut entwickelnden Regionen. Derzeit haben über 3800 deutsche Unternehmen eine Niederlassung oder Tochtergesellschaft in Frankreich, davon sind fast 500 Unternehmen aus Hessen. Im letzten Jahr war Deutschland der wichtigste erwerbsschaffende Direktinvestor in Frankreich. Deutsche Unternehmen haben tausende Arbeitsplätze geschaffen und gesichert. Herausragende Bereiche sind der Fahrzeugbau, Handel & Vertrieb, Logistik, IT, Elektronik & Elektrotechnik, Maschinenbau sowie Energie & Umwelttechnik.

Die deutschen Unternehmen vor Ort schätzen unter anderem Infrastruktur, Flexibilität und französische Ingenieurkunst. Ein hohes Bildungsniveau, neue Ideen und Kreativität begünstigen Innovationen. Der Bereich der Forschung und Entwicklung profitiert von interessanten Steuervorteilen. Natürlich gibt es auch in Frankreich noch genügend Möglichkeiten, um Reformen beherzt anzugehen und die Attraktivität zu steigern.

Aber wo ist das denn nicht so? Der französische Markt wird gerade von mittelständischen Unternehmen häufig als komplex und herausfordernd empfunden. Aber wie immer gilt auch in Frankreich der Grundsatz: „Gewusst wie!“ Die AHK Frankreich kennt die entscheidenden Mittel und Wege und bietet gezielte Antworten für ein erfolgreiches Frankreichgeschäft. Wir helfen Unternehmen, französische Gegebenheiten und interkulturelle Besonderheiten zu verstehen und Fallstricke zu vermeiden. Davon können auch hessische Unternehmen profitieren!

Vor und nach den Wahlen. Frankreich ist und bleibt spannend, heute wie auch morgen. Mehr als nur ein Blick lohnt sich immer. A bientôt!

Ihr
Jörn Bousselmi
(Hauptgeschäftsführer Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer)

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Dietmar Muscheid schreibt an Edouard Guerreiro


Lieber Edouard,

ich sorge mich, denn unser Europa durchlebt gerade stürmische Zeiten. Ob Brexit oder Eurokrise – die Verunsicherung der Menschen wächst vielerorts und damit das Vertrauen in nationale und europäische Institutionen und Regierungen.

Es ist absurd, das von dieser Entwicklung ausgerechnet die Parteien profitieren, die keine Lösungen anbieten und stattdessen mit populistischen Parolen und Forderungen auftrumpfen. Die Rechtspopulisten gewinnen überall an Zustimmung, gerade auch in Frankreich. Mit Blick auf die französischen Präsidentschaftswahlen muss man konstatieren, dass Frankreich vor einer echten Schicksalswahl steht, einer Schicksalswahl für ganz Europa. Die Folgen eines Sieges von Marine Le Pen will ich mir nicht ausmalen. Denkt man daran, dass Frankreich dann die Europäische Union verlassen könnte, die europäische Idee wäre gescheitert.

Wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter stehen für Solidarität, Frieden und Einigkeit. Das ist unsere Stärke. Wir müssen diese Stärke jetzt nutzen, um für Europa zu werben. Ein Europa des Friedens, der Freundschaft, der Demokratie und des Zusammenhaltes.

All diese Werte stehen dieses Jahr zur Wahl: alsbald in Frankreich und im Herbst auch in Deutschland. Die Politik muss die Sorgen der Menschen wieder ernst nehmen. Wir brauchen ein soziales Europa, das für die Menschen da ist, in dem niemand aufgegeben wird und das vom Geiste der Solidarität und der Demokratie getragen wird.

Ein Europa, das jungen Menschen in ihren Heimatländern die Chance auf Bildung, Ausbildung und auskömmliche Arbeit ermöglicht. Ein Europa, das nicht einzelne Staaten „verpflichtet“, ihre Haushalte durch Kürzungen bei den Renten zu sanieren. Ein Europa, in dem jedes Land auch notwendige Zukunftsinvestitionen tätigen kann und nicht einzig und allein das Mantra ausgeglichener Staatshaushalte das wichtigste politische Ziel sein darf. Die Menschen diesseits und jenseits der Grenzen in Frankreich, Rheinland-Pfalz und dem Saarland profitieren auf vielfältige Weise von den offenen Grenzen und dem offenen Miteinander. Lass uns gemeinsam daran arbeiten, dass das auch so bleibt – „Ne me quitte pas“.

Mit grenzüberschreitenden Grüßen,

Dietmar Muscheid
(Rheinland-pfälzischer DGB-Vorsitzender)

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Edouard Guerreiro schreibt an  Dietmar Muscheid


Lieber Dietmar,

ich antworte Dir auf Deinen Brief, in welchem du mich an deiner Analyse der geopolitischen und soziale Situation in Europa teilhaben lässt. Du hast in weiten Teilen Recht, und ich teile Deine Einschätzungen. Wir müssen die Aufmerksamkeit unserer jeweiligen Regierungen auf die Bedrohung durch die Austeritätspolitik richten, sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene.

Wir klagen an, dass diese Politik gefährlich ist – und zwar wirtschaftlich wie sozial, aber auch für die Demokratie. Die schwere Situation, die bestimmte europäische Länder durchmachen, der Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich, beides verdeutlicht die Auswirkungen, auf die wir hinweisen; eine wirkliche Malaise. Eine Form des Herabwirtschaftens, und eine wirkliche Gefahr für die Demokratie.

In der Tat, alles ist möglich, selbst das Schlimmste. Deshalb a Force Ouvrière (etwa: „Mit der Macht der Arbeiter“), treu unseren Prinzipien von Freiheit und Unabhängigkeit, und im selben Zusammenhang ist es wichtig, dass unsere Gewerkschaftsbewegung sich selbst treu bleibt, in dem sie ihre Richtung, ihre Widerstandskraft und kühles Blut bewahrt. Deswegen haben wir z.B. vor kurzem unsere Analysen vorgestellt, unsere Positionen und unsere Vorschläge, die nach wie vor aktuell sind, obgleich Frankreich gerade eine schlimme politische Phase durchmacht.

Aus gegebenem Anlass wird der 1. Mai 2017, der genau zwischen zwei Wahlkampftouren liegt, nicht der Tag der Arbeit sein, sondern der internationale Tag der Vorschläge und Solidarität. Darauf basierend werden wir unsere Vorschläge für einen internationalen, europäischen und auch nationalen Plan entwickeln. Hier werden wir außerdem unseren starken Willen bestärken, um die Austerität (dt.: Sparpolitik) zu bekämpfen, um den guten öffentlichen Dienst zu erhalten und die sozialen Sicherungssysteme.

Wir müssen das Prinzip der Parität aufrechterhalten, wir müssen dagegen ankämpfen, dass schriftlich festgehaltene Normen im Arbeitsrecht auf den Kopf gestellt werden. Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Löhne werden zentrale Elemente unseres Forderungskatalogs sein.

Ebenso bestärken wir unsere Forderungen in Bezug auf die Konzeption und Anwendung internationaler Kontakte, unseres Internationalismus. Dieser und unsere Vorstellung von Solidarität stehen jeder Art von Diskriminierung, jeder Art von Rassismus, von Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus entgegen.

Frei und unabhängig sind wir uns, unserer Rolle und der Aufgabe der Gewerkschaften treu. Auch beharren wir auf unserem freien Recht auf Gewerkschaftsgründung und Tarifverhandlungen, welche nur in Demokratien möglich sind.

Dem Frieden und der Demokratie verschrieben, klagen wir an und stellen uns jeder Form von Unterdrückung oder barbarischer Akte in Europa oder in anderen Teilen der Welt entgegen.

Cher Kamerad, lieber Freund, es sind nicht die Grenzen die uns trennen; wir bleiben zusammen, um eine bessere Welt zu verteidigen, ein solidarisches Europa, das sozial ist und durch alle repräsentiert wird, in dem keine Person allein gelassen wird. Ein Europa, das den Esprit der Solidarität in sich trägt, den Geist der Demokratie und der Republik. Dies ist die einzige und unveränderbare Lösung, um aus den Krisen heraus zu kommen, damit sich die Völker erheben und eine bessere Zukunft bauen, für uns und unsere Kinder.

Verlass Dich auf uns!

Edouard Guerreiro
(Vorsitzender der Gewerkschaft „Force Ouvrière“ Côte d’Or)

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Martine Durand-Krämer schreibt an Anne Durand


Bonjour und Hallo, liebe Nichte!

Ich komme auf dich zu wegen eines Projekts, das die Allgemeine Zeitung kurz vor der Wahl in Frankreich in die Wege geleitet hat. Es geht um Europa und gab mir Anlass zum Überlegen, was unsere Familie ohne Europa wäre.

Wir sind in den letzten 40 Jahren eine typisch europäische Familie! Kannst du dich an deinen Urgroßvater Gaston Durand erinnern? Du warst knapp 10 Jahre alt, als er 1989 verstarb. Er wurde 1898 geboren und hat entsprechend sowohl den ersten als auch den zweiten Weltkrieg hautnah erlebt. Beim ersten Weltkrieg verlor er einen Bruder, seine Schwester „Tante Alice“ verlor außerdem ihren Mann und war bereits mit 24 Jahren Witwe! Zwischen beiden Weltkriegen wurde er Vater von zwei Kindern und hatte später vier Enkelkinder, von denen zwei – zufällig – in Deutschland geheiratet haben: mein Cousin Philippe heiratete in Saarbrücken und ich in Mainz.

In den achtziger Jahren hielt Gaston, der zweimal gegen den deutschen Erbfeind hatte kämpfen müssen, vier deutsch-französische Urenkel in seinen Armen, darunter dich, liebe Anne! Wenn ich aus beruflichen Gründen eine Schülergruppe aus Rheinland-Pfalz und Burgund begrüße, erzähle ich immer wieder „l’histoire de mon grand-père, die Geschichte Gastons“ und kommentiere sie nur mit folgenden Worten: „Voilà… das war eine Zusammenfassung der deutsch-französischen Beziehungen im 20. Jahrhundert!“ Ich habe immer wieder das Gefühl, dass es den Kindern mehr sagt als die Zahl der Menschen, die aufgrund der deutsch-französischen Kriege ihr Leben lassen mussten!

Du weißt, dass ich seit 15 Jahren beim Partnerschaftsverband Rheinland-Pfalz/Burgund arbeite. Es gibt 146 Städte- und Gemeindepartnerschaften zwischen der französischen Region (heute Bourgogne – France-Comté) und dem deutschen Bundesland. Diese Regionalpartnerschaft, deren Weichen bereits in den 50er Jahren gestellt wurden, ist noch älter als der Elysée-Vertrag, der am 22. Januar 1963 von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, unterzeichnet wurde, um die Freundschaft zwischen den beiden Ländern zu versiegeln.

Unzählige Menschen arbeiten aktiv und intensiv an und in diesen Städtepartnerschaften: sie besuchen einander, lernen einander wirklich kennen, tauschen sich aus, beteiligen sich an Feierlichkeiten… es ist gelebtes, menschliches Europa, weil fernab von Klischees und Stereotypen! Bei Grußworten anlässlich von Beurkundungen neuer Jumelages zwischen Rheinland-Pfalz und Burgund oder bei Jubiläumsveranstaltungen erzähle ich auch oft unsere Familiengeschichte, weil sie in meinen Augen eine europäische Familiengeschichte ist.

Du hast die Familientradition aufgegriffen, hast an der Sorbonne in Paris und an der Humboldt-Universität in Berlin studiert, deine Diplomarbeit in Philosophie geschrieben und nun unterrichtest du Deutsch in der Nähe von Paris...

Compliments, Komplimente! Ich bin stolz darauf, dass meine junge Nichte die Familientradition aufgegriffen hat und die deutsch-französischen Beziehungen – und damit den europäischen Gedanken – bei jungen Franzosen voranbringt: Europa ist die Zukunft der kommenden Generationen!

Amicalement,

Deine Tante Martine
(Martine Durand-Krämer ist Generalsekretärin des Partnerschaftsverbands RLP/Burgund)

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Anne Durand schreibt an Martine Durand-Krämer 


Liebe Tante,

danke für deinen Brief und deine Betrachtungen über Europa und unsere deutsch-französische Familie. Das Erste, was mir zum Thema „Europa“ einfällt, sind eigentlich die Kurse über die „Construction européenne“ – den europäischen Aufbauprozess, die wir in der Schule über uns ergehen lassen mussten, oder die Fernsehsendungen über die gemeinsamen europäischen Bestimmungen… ehrlich gesagt nichts, was mich damals vom Hocker gerissen hätte.

Im Gegensatz zu meinem Vater kann ich nicht sagen „Wir sind die erste Generation, die nicht in den Krieg ziehen musste“. Frieden gehört schon immer zu meinem Leben. Das ist in meinen Augen der erste und wichtigste Punkt: Als Kind oder Jugendlicher sieht man zuerst das eigene alltägliche Leben, die Eindrücke, die man hat oder die Erfahrungen, die man macht: es gibt keine Grenzen mehr, die Autoscheinwerfer haben alle dieselbe Farbe...Als ich vor ein paar Jahren einen Teil meines Studiums in Münster absolvierte, haben sich französische Freunde über meinen Wunsch gewundert, in einer WG mit Deutschen zu wohnen, um das deutsche Leben richtig kennen zu lernen. Es fiel mir schwer, ihnen zu erklären, dass die Lebensweisen so ineinander verflochten sind, dass man nicht mehr weiß, was woher kommt, dass es selbstverständlich wird, das Frühstück „deutsch“ und das Abendessen „à la française“ einzunehmen. Das ist gelebtes Europa!

Eine französische Freundin meiner Mutter lebt in Madrid. Mein Vater hat in Frankreich für eine italienische Firma und später in Italien gearbeitet. Du hast in Deutschland geheiratet, mein Cousin und meine Cousine sind zugleich Deutsche und Franzosen, ihre Kinder haben ebenfalls die doppelte Staatsangehörigkeit. Ich bin praktisch schon in eine deutsch-französische Familie hineingeboren, das gehört von jeher zu meinen Leben. Jahre später habe ich einen Teil meines Studiums in Berlin und Münster absolviert, meine Doktorarbeit über Feuerbach mit „Co-tutelle-Betreuung“ (d. h. mit deutscher und französischer universitärer Betreuung) geschrieben, heute unterrichte ich Deutsch an einer französischen Schule. Das alles war nicht vorhersehbar und doch selbstverständlich.

Ich möchte eine deutsche Freundin zitieren, die mir kurz nach meiner Rückkehr aus Münster schrieb „Herzliche Grüße aus deiner zweiten Heimat!“. Damit hat sie eigentlich das Wesentliche ausgedrückt: man kann in einem Land geboren sein aber für mehrere Länder heimatliche Gefühle entwickeln und empfinden und mit Freude eine Kultur vermitteln, die zwar nicht die eigene aber auch nicht fremd ist. Wer könnte mir heute sagen, was in mir „rein französisch“ oder „richtig deutsch“ ist?

Ich wüsste es selber nicht, und ehrlich gesagt, die Frage wäre auch irrelevant. Ich bin ein Kind Europas und bin glücklich und dankbar, dass die Errungenschaften der vorigen Generationen mir dieses europäische Leben ermöglicht haben.

Meine Wahl steht fest: Weiter so, on continue, damit deine eigenen deutsch-französischen Enkelkinder in 20 Jahren auch noch stolz auf Europa sein können!

Bis bald,
Anne
(Anne Durand ist Deutschlehrerin und lebt in der Nähe von Paris)

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Bernhard Vogel schreibt an Alfred Grosser


Hochverehrter, lieber Herr Grosser,

wir haben lange nicht mehr miteinander gesprochen. Umso mehr freue ich mich zu hören, dass es Ihnen nach wie vor gut geht und dass Sie weiterhin an den in der Tat beunruhigenden Turbulenzen der internationalen Politik regen Anteil nehmen.

Verständlicherweise treibt mich im Augenblick die Sorge um den Ausgang der französischen Präsidentschaftswahl am 23. April besonders um. Das für die Zukunft unserer beiden Länder wohl wichtigste Datum dieses Jahres. Bei unserem letzten Gespräch meinten Sie, die deutsch-französischen Beziehungen hätten sich so gut entwickelt, dass Sie sich in Zukunft ganz auf die Probleme Israels konzentrieren könnten. Jetzt aber sollten Sie sich bitte wieder unseren beiden Ländern und vor allem der Zukunft der Europäischen Union zuwenden. Denn Sie sind trotz, ja wegen Ihres eigenen persönlichen Schicksals zu einem der Mittler zwischen Frankreich und Deutschland geworden. Sie waren einer der intellektuellen Wegbegleiter des Élysée-Vertrages.

Die Krise der EU muss überwunden werden. Davon hängt unsere gemeinsame Zukunft ab. Mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge vor sechzig Jahren begann die längste Friedensperiode unserer Geschichte. Nur mit einem geeinten Europa werden wir unseren Wohlstand sichern und die Konkurrenz mit China, Indien, den USA und Russland in Zukunft bestehen können. Die EU muss neues Vertrauen und neue Glaubwürdigkeit gewinnen. Dafür muss sich Europa ändern. Es muss unbürokratischer werden. Brüssel darf sich nicht in Kleinigkeiten verlieren. Die Verordnungs- und Regelungsflut muss gestoppt werden. Vieles lässt sich in Paris oder Berlin, in Dijon oder Mainz besser regeln.

Europa muss sich auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren: Auf eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, auf Währungs- und Wirtschaftsfragen, auf die Flüchtlingsfrage. Wenn wir uns auf unseren großen Bruder in den USA nicht mehr so selbstverständlich wie in der Vergangenheit verlassen können, ist unsere eigene Geschlossenheit umso notwendiger. Wir müssen unsere Bürger von der Bedeutung der europäischen Institutionen überzeugen und die in Zukunft nur noch 27 Mitgliedsstaaten davon, dass sie Europa zu ihrem Wohl in Anspruch nehmen dürfen, dass sie aber auch Pflichten Europa gegenüber haben. Trotz aller Sorgen, ich wünsche Ihnen, ich wünsche Frankreich und Deutschland, dass ein Freund Europas zum nächsten französischen Präsidenten gewählt wird.

In alter Verbundenheit

Bernhard Vogel
(Dr. Bernhard Vogel ist ehemaliger Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz)

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Alfred Grosser schreibt an  Bernhard Vogel


Hochverehrter, lieber Herr Vogel,

auch ich wünsche mir einen Freund Europas im Élysée-Palast. Zugleich teile ich Ihre Sorge, dass wir am Tag nach dem 23. April aufwachen und kein solcher Freund mehr im Rennen um das Präsidentschaftsamt verblieben ist.

Ich erlaube mir jetzt schon einen Rückblick auf die vermeintlich aussichtsreichsten Kandidaten: Auf der Linken schien der offizielle Kandidat der Sozialistischen Partei, Benoît Hamon, im Voraus geschlagen, weil zu utopistisch, vor allem seitdem der Besiegte in der sozialistischen Vorwahl, der vorige Premierminister Manuel Valls, verkündet hatte, er würde für Emmanuel Macron stimmen.

Jean-Luc Melanchon, unbarmherziger Gegner Europas und talentierter Redner, konnte hoffen, „harte“ linke Stimmen so stark anzuziehen, dass Andere geschlagen werden könnten.

Noch heftiger gegen Europa war Marine Le Pen. Ihr Vater war 2002 in die Stichwahl gekommen, wurde dann von Jacques Chirac 20 zu 80 Prozent geschlagen. Marine ist (leider) nicht nur die Tochter ihres Vaters. Den Antisemitismus des Vaters gibt es nicht mehr. Man braucht sowieso die Juden nicht, denn man hat ja die Moslems. Und weil viele von diesen, in Kleidung und Essgewohnheiten, keine „echten“ Franzosen sind, wird der Front National Verteidiger von la République, deren Gesetze und Gewohnheiten zu beschützen sind. Marine antwortet nicht auf die Analysten, die zeigen, was jeder Franzose verlieren würde, trete Frankreich aus dem Euro aus. Wie Trump verkündet sie Unwahrheiten, die von den Anhängern geglaubt werden. Auch lässt sie sich nicht von Polizei und Richtern einschüchtern. Alle Beweise von Straftaten sind nur politische Manöver, um ihren Sieg zu verhindern.

Das Gleiche gilt für François Fillon, dessen Gattin nun auch als Angeklagte dasteht. Aber die vielen Geld-Affären haben ihm doch geschadet. Jedoch ist er Kandidat geblieben und die Mitglieder der Parti Républicain müssen ihn zähneknirschend unterstützen, wobei es doch klar war, dass Dinge wie das angenommene Geschenk teurer Anzüge sein Image als arm gebliebener Verteidiger der kleinen Leute beschädigte. Europa gegenüber zeigte er sich immer zumindest zurückhaltend. Er hatte gegen den Maastricht-Vertrag gestimmt.

Der einzige „Europäer“ unter den Kandidaten war Emmanuel Macron, der sich auch in Buch und Wahlkampf für die ständige Vertiefung der Deutsch-Französischen Zusammenarbeit einsetzte. Nicht erstaunlich waren die deutschen Hoffnungen und Erwartungen, er würde siegen.

In alter Verbundenheit

Alfred Grosser
(Prof. Dr. Alfred Grosser ist Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler)

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Evelyn Seibert schreibt an Antoinette Marti


Meine liebe Antoinette,

wenn ich an Paris denke, denke ich immer auch an Dich. Denn Du hast mir die Seele Deiner Geburtsstadt und ihrer Bewohner gezeigt. Wie verschieden wir sind – und wie nah wir uns trotzdem fühlen. Du hast mir jenseits aller Pariser Luxus-Restaurant-Klischees bei Dir unterm Dach Linsen mit Knoblauch und Speck gekocht – ich habe selten besser gegessen. Du bist mit mir jenseits der teuren Feinkostläden auf den Markt im 19. Arrondissement gefahren, wo alles nur die Hälfte kostet – aber das bunte Leben brummt.

Du hast mir den Picknickfimmel der Pariser gezeigt, mitten im Park von La Villette, auf einer Decke zusammen mit der Concierge aus der Pförtnerloge und ein paar Nachbarn. Du bist mit mir in gefühlt 500 kleine Theater gegangen, dazu nochmal in genauso viele Ausstellungen – so habe ich gelernt, dass die Franzosen Kultur so selbstverständlich und alltäglich konsumieren wie gutes Essen. Du hast das Klischee der angeblich arroganten Pariser komplett widerlegt. Du quatschst jeden an – und siehe da, alle quatschen zurück. Übrigens auch ausgiebig über Politik.

Auch das habe ich durch Dich gelernt: Wie politisch die Franzosen sind. Millionen schauen sich die großen Fernsehdebatten an, harren über viele Stunden aus – und am nächsten Tag wird mit dem Bäcker darüber diskutiert. Du hast einen klugen, kritischen Kopf hinter Deiner Libération, die Du jeden Morgen im Café auf Montmartre liest. Wir haben uns gegenseitig deutsche und französische Politik erklärt.

Eigenheiten, Vorurteile, richtige und falsche Bilder, die wir uns voneinander als Nationen und Völker machen. Darüber haben wir gelernt, wie schön es ist, so unterschiedlich zu sein – und trotzdem das Gefühl zu haben, den anderen voll und ganz zu verstehen. Wir lachen über dieselben Dinge, wir lästern nach Herzenslust über Deutsche und Franzosen und regen uns über dieselben Missstände auf. Völlig egal, dass Du in Frankreich und ich in Deutschland geboren bin. Und als Du mir einmal gesagt hast: „Gut, dass Du kein Dessert isst, Du wirst sonst zu dick“ – da habe ich mich zum ersten mal sogar selbst als Französin gefühlt – so was sagen sich wirklich nur gute französische Freundinnen.

Du hast ein großes Herz, liebe Antoinette – und ich fände es ganz schrecklich, wenn Politiker diese, unsere europäische Herzensbildung vergiften würden.

Ne me quitte pas...

Deine Freundin Evi
(Evelyn Seibert ist Journalistin und Moederatorin im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin)

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Antoinette Marti schreibt an Evelyn Seibert


Meine liebe Freundin,

ne me quitte pas, verlass mich nicht, denn unsere Freundschaft besteht aus so vielen wunderbaren Erinnerungen. Ich erinnere mich wie wir uns kennengelernt haben, in Deutschland. Du hattest mich, die Fremde, in Köln eingeladen. Es war ein so warmer, spontaner Empfang, der mir da von einer unbekannten Deutschen bereitet wurde. Du hast damals dafür gesorgt, dass ich mich in Deutschland wohl fühle.

Ich erinnere mich daran, wie aus dieser Bekanntschaft eine deutsch-französische Freundschaft zu wachsen begann. Ich erinnere mich an Deine deutsch-praktischen Outfits: Hosen, Bluse, Stiefel, Rucksack. Ich erinnere mich daran, wie Du dann als Korrespondentin nach Paris umgezogen bist. Wie ernst Du Deinen Job nimmst, wie leidenschaftlich Du arbeitest – wie Du auf alles neugierig bist – und trotz des straffen Zeitplans immer Zeit für mich gefunden hast.

Ich erinnere mich daran, wie wir dann gemeinsam in meiner Heimatstadt Paris gelebt haben, unsere vielen Ausstellungsbesuche, unsere Touren zu Fuß, mit dem Fahrrad, in der Metro – und immer haben wir die ganze Zeit miteinander diskutiert. Ich erinnere mich daran, wie viel wir uns über die Politik in unseren beiden Länder unterhalten haben. Darüber, dass Angela Merkel ihren Schirm selbst trägt und relativ normal lebt, während unser Präsident seinen Schirm tragen lässt, in einem Schloss arbeitet, unter vergoldeten Kronleuchtern im Luxus- und trotzdem glaubt, das sei normal.

Ich erinnere mich daran, wie empört Dein kleiner Sohn war, als ich in Paris bei Rot über die Ampel gegangen bin – und wie selbstverständlich er das nach einer Weile selbst tat. Ich erinnere mich daran, wie Du in Paris Deinen Stil gewechselt hast. Du hast nach kurzer Zeit nur noch Röcke und Kleider getragen, nie mehr Hosen. Ich erinnere mich daran, dass Du spontaner geworden bist. Statt alles gründlich zu planen, hast Du lachend den Zeitplan über den Haufen geworfen und bist spontan mit mir in Paris ins Theater gegangen.

Ich erinnere mich daran, wie Du wieder nach Deutschland gezogen bist und mich nach Berlin eingeladen hast. Wie ich mich darüber gewundert habe, dass die Berliner brav ihre Fahrkarten entwerten, obwohl es keine Durchgangssperre gibt, wie in der Pariser Metro. Ich erinnere mich daran, dass keine Mauer unsere deutsch-französische Freundschaft jemals begrenzen kann. Ich erinnere mich daran, dass wir uns in 20 Jahren an weitere schöne gemeinsame Dinge erinnern werden. Und dass wir unseren Enkeln und Urenkeln von dieser Freundschaft erzählen sollten, damit sie sie weiterführen.

Lasst uns gemeinsam in Europa bleiben, ne me quitte pas,

Deine Freundin Antoinette
(Antoinette Marti ist Pariserin und Grundschullehrerin in Rente)

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Kohl mitterand

Vive la france
Kapitel 2 Erster Briefwechsel

Prof. dr. ing. johann dietrich woerner

Is legall officiel 500
Kapitel 3 Zweiter Briefwechsel

Till meyer

Melita soost
Kapitel 4 Vierter Briefwechsel

Luster.jpg

Henri mathey
Kapitel 5 Fünfter Briefwechsel

Mmueller

Dusapin2a
Kapitel 6 Sechster Briefwechsel

Markus k%c3%b6lzer

Minnerath
Kapitel 7 Siebter Briefwechsel

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Kapitel 8 Achter Briefwechsel

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